Rauchverbot : Das Ende eines Kampfes

Rauchen ist jetzt verboten. Offenbar kann man eine gesellschaftliche Entwicklung steuern.

Moritz Schuller

Morgen tritt in neun weiteren Bundesländern das Rauchverbot in Gaststätten in Kraft. Die interessante Frage daran ist nicht, warum, sondern warum morgen? Das Warum interessiert eher diejenigen, die das Rauchen ablehnen oder es befürworten, für die das neue Gesetz also persönliche Konsequenzen hat. Das „warum morgen“ interessiert alle, denn die Frage ist politisch: Warum ist gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, jedem, der in einer Gaststätte raucht, 100 Euro abzuknöpfen. Warum ist jetzt etwas möglich, was vor wenigen Jahren noch als fundamentale Einschränkung der Freiheit verstanden worden wäre?

Offenbar ist es in der Raucherfrage zu einem „qualitativen Umschlag“ gekommen, so wie Wasser, das heißer und heißer wird und plötzlich anfängt zu kochen. Es ist beim Rauchen ein Paradigmenwechsel zu erkennen, der „Tipping Point“ ist erreicht, wie der Amerikaner Malcolm Gladwell den plötzlichen Sprung einer Entwicklung nennt.

Warum also jetzt? Weil es vernünftig ist, das ungesunde Rauchen einzuschränken und die Vernunft sich zwar langsam, aber schließlich doch durchsetzt gegen Werbung, Verführung, Sucht? Aber warum ist die Vernunft an der Alkoholfront dann so einflusslos? Denn ohne Frage stellt der Alkohol ein größeres gesellschaftliches Problem dar als das Rauchen. In Deutschland fahren mehr Menschen betrunken Auto als irgendwo anders in Europa, die Folgeschäden des Alkoholismus sind gravierender als die des Rauchens. Doch an Strafen fürs Trinken denkt derzeit niemand.

Natürlich hat der Sexappeal des Rauchens in den vergangenen Jahren abgenommen. Früher rauchte Lauren Bacall, heute schädigt der Rauch die Spermien. Die soziale Stigmatisierung des Rauchers hat sich fortgesetzt, Rauchen ist zu einer Unterschichtensucht geworden. Alle diese Entwicklungen wurden zum Teil politisch bewusst vorangetrieben, durch Hinweise auf den Packungen oder durch die Einführung von Chipkarten an den Automaten. Vermutlich hat auch der Wert, gesund zu leben und sich nicht durch Rauch zu schädigen, in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Das hieße, ein Rauchverbot ist vor allem deshalb möglich geworden, weil inzwischen weniger rauchen und die gesellschaftliche Macht der Raucher und der Zigarettenindustrie zu schwach geworden ist, um größeren Widerstand zu leisten. Die neuen Gesetze formalisierten dann lediglich einen bereits bestehenden gesellschaftlichen Konsens.

Beim Rauchen haben diese Faktoren zusammen, über Jahrzehnte, zum Tipping Point geführt. Es geht offenbar auch schneller: In Philadelphia bekamen, wie der „Spiegel“ berichtet, Kettenraucher 20 Dollar auf die Hand, wenn sie an einem Entwöhnungskurs teilnahmen. Das Ergebnis: Immerhin 16,3 Prozent hörten mit dem Rauchen auf. Geld vermag offenbar erstaunlich direkt individuelles Verhalten zu steuern. Man muss nicht auf die Vernunft warten, umständlich die Beschaffung erschweren oder auf einen Stimmungswechsel hoffen – man muss den Trinkern, Übergewichtigen und Schnellfahrern offenbar nur genug Geld zahlen.

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