Meinung : Raus Deutschstunde

Die Aufgabe des Bundespräsidenten: Nachdenken – auch über die eigene Zukunft

Stephan-Andreas Casdorff

Nun sinnt Johannes Rau also darüber nach, ob er als Bundespräsident im nächsten Jahr eine zweite Amtszeit anstreben soll. Es sieht nicht so aus, als wolle er. Oder wartet er noch?

Das kann er: Zur Ruhe kommen, nachsinnen. Er kann, um mit Siegfried Lenz zu reden, den Anker der Erinnerung werfen, bis sich die Kette strafft. Bis ein Netz über Vergangenes geworfen ist. So könnte er es ausdrücken, denn er ist in Worte verliebt, wie alle sagen. Seine Worte sollen etwas bedeuten, und das achten die Menschen. Er ist vor Jahrzehnten schon zum Präsidenten geworden, schon als Politiker in Nordrhein-Westfalen. Und so sind wir an ihn gewöhnt.

Heute, wenn Rau seine große Berliner Rede hält, die dem deutsch-amerikanischen Verhältnis gewidmet ist, wird er jedes Wort sehr genau gewählt haben. Er wird Anmerkungen machen zum Sinn von Freundschaft, die auch in der Politik Kritik aushalten muss, die ihrer gemeinsamen Werte sicher ist, die sich aber darum auf Gleichrangigkeit der Ansichten verpflichtet. Die werden in aller Welt verstanden werden als die Begründung für ein unaufgeregtes deutsches Selbstwertgefühl. Und sie können in Deutschland auch zu verstehen sein als erster Teil seines Vermächtnisses. Denn diese Rede könnte seine letzte große in der Hauptstadt gewesen sein. Darüber wird Rau uns nachsinnen lassen. Ob er das Ergebnis abwartet?

Die Mehrheit der Deutschen möchte, dass er wieder kandidiert. Vor allem die Jungen wünschen es sich. Das ist ein Erfolg, mit dem am Anfang nicht zu rechnen war. Erschien Rau doch wie aus der Zeit gefallen, dem Tempo der Globalisierung nicht gewachsen. Was er heute als Tasten beschreiben könnte, wurde als Zögern ausgelegt. Aber die Themen kamen auf ihn zu. Sie fielen ihrem Tempo zum Opfer, und er war immer ein Entschleuniger. Die werden in diesen Zeiten, in denen die Ängste größer werden, immer beliebter. Hat Rau nur darauf gewartet?

Alles hat seine Zeit, wer wüsste das besser als er. Sein Lebensalter, seine politischen Erfahrungen und die seiner Vorgänger sind ihm gute Ratgeber. Rau ist über 70, da redet man schon mal vom Nachlassen der Schlagkraft. In der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt, haben SPD und Grüne nicht die Mehrheit. Die Union ist ihm wegen des Zuwanderungsgesetzes gram, außerdem will sie der Regierung auf allen Ebenen zusetzen. Hat sich nicht auch Gustav Heinemann, Raus Vorbild bis ins Private, mit nur einer Amtszeit als Bürgerpräsident ins kollektive Gedächtnis eingeprägt?

Wenn die Zeiten wieder anders würden, könnte es sich Rau ja noch einmal überlegen. Was sind schon sechs Stimmen Unterschied: ein kleiner Verlust der CSU bei den kommenden Landtagswahlen, ein kleiner Gewinn bei den Grünen. Und die Unionsparteien sind sich, im Gegensatz zur rot-grünen Koalition, nicht einig, wer für sie kandidieren soll. Ein altgedienter Ministerpräsident wie Rau damals, Bernhard Vogel aus Thüringen, macht sich Hoffnungen, ein anderer, Erwin Teufel aus Baden-Württemberg, kann sich als Kompromiss zwischen CDU und CSU welche machen. Wolfgang Schäuble wünschen viele, einmal die Nummer eins zu sein, nur die Nummer eins der CDU, Angela Merkel, wünscht es sich wohl nicht. Und Edmund Stoiber hat seine Wünsche für sich noch nicht geklärt. Da stehen noch einige (Wahl-)Kämpfe bevor.

Rau kann warten. Bis dieses Thema doch wieder auf ihn zuläuft? „Fragen drängen sich heran und verlieren ihre Schärfe durch eine einzige Wendung“, schreibt Siegfried Lenz. Das könnte dem Präsidenten gefallen.

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