Meinung : Reaktion auf den Terror: Mit Diktatoren gegen Terroristen

Christoph von Marschall

Russland und Deutschland als Verbündete - wann gab es das zuletzt? Lässt man den Hitler-Stalin-Pakt zur Aufteilung Polens beiseite: vor rund 200 Jahren, in den napoleonischen Kriegen, bis zum gemeinsamen Sieg in Waterloo. Im letzten Jahrhundert waren Russen und Deutsche Gegner, in zwei Weltkriegen und im Kalten Krieg. Heute aber, beim ersten Staatsbesuch des Präsidenten Putin in der Bundesrepublik, präsentieren sie sich erstmals seit langer, langer Zeit als Alliierte - im vereinten Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Gemeinsam werden Wladimir Putin und Gerhard Schröder einen Kranz am sowjetischen Ehrenmal niederlegen. Im Juni 2000 hatte der Kanzler dem Präsidenten das verweigert - mit Blick auf die Kriegsverbrechen in Tschetschenien. Hat sich an Moskaus Auftreten im Kaukasus Entscheidendes verbessert? Nein. Die neue Herzlichkeit gehört zum Preis für eine weltweite Koalition. Um sich gegen das ganz Böse effektiv zu wappnen, muss der Westen seine Schandtaten-Skala neu justieren. Was gestern noch als nicht hinnehmbar galt, darüber schweigt heute des Sängers Höflichkeit.

Das betrifft auch andere Themen, die bei den deutsch-russischen Regierungskonsultationen im April in St. Petersburg noch für einen Rest an Distanz gesorgt hatten, etwa die bedrohte Pressefreiheit. "Wir müssen uns jetzt auf das Hauptproblem konzentrieren", heißt es unverblümt im Kanzleramt. Der Anknüpfungspunkt sei Schröders "gutes persönliches Verhältnis" zu Putin: die gemeinsamen Bilder unter dem Weihnachtsbaum, die Schlittenfahrt. Stolz ist herauszuhören: Des Kanzlers Langfriststrategie, Russland in die globale Verantwortung einzubinden, werde nun auch in Amerika akzeptiert. Dies sei die Bewährungsprobe.

Putin hat vieles zu bieten - und einiges bereits geliefert. Etwa die Zustimmung im UN-Sicherheitsrat zur Resolution 1368, die den USA weitgehend freie Hand beim Gegenschlag lässt. Moskaus Einfluss in den GUS-Republiken, die an Afghanistan grenzen, gehört dazu, auch wenn die formal souverän sind. Offenbar dürfen die Amerikaner Militärbasen dort nutzen, um die Nordallianz in Afghanistan mit Waffen zu versorgen, damit die das Taliban-Regime bekämpfen kann. Vielleicht auch für eigene Kommandounternehmen. Vermutlich war ein Machtwort Putins gegenüber den Militärs und den nationalen Kräften in Russland nötig, die um keinen Preis amerikanische Präsenz in ihrem Hinterhof dulden möchten.

Die neue Weltordnung ist auch auf anderen Feldern nicht kostenlos zu haben: Noch bekräftigen des Kanzlers Berater, dass die Nato im Herbst 2002 die zweite Erweiterungsrunde beschließen werde und niemand ein Vetorecht habe. Aber schon heißt es einschränkend, unter dem Eindruck der neuen Entwicklungen müsse man zu einer "Gesamtschau" kommen. Oder man macht sich Mut: Wenn sich die Allianz der USA mit Russland bewähre, werde man andere Blockaden lösen können: die Reform des UN-Sicherheitsrats, die Raketenabwehr, die Behandlung von Regionalkonflikten. Putin weiß, dass er sich nun mehr herausnehmen kann als vor dem 11. September. Zur westlichen Kritik an der Lieferung russischer Waffen und Atomtechnik an zweifelhafte Staaten wie Iran, Irak oder Nordkorea sagte er, Russlands Wirtschaft könne darauf nur verzichten, wenn es Kompensation gebe.

Wie viel kostet die neue Konstellation, welche Chance auf politischen Gewinn bietet sie? Die Frage betrifft auch das Verhältnis zu China, zu Indien, zu Iran und weiteren autoritären Regimen. Die Kritik an Pekings Menschenrechtspolitik wird leiser werden. Der Protest gegen die Drangsalierung Intellektueller in Teheran wohl auch. Keine schöne neue Weltordnung. Aber eine auf Bewährung. Die Koalition gegen Saddam Hussein hat die Befreiung Kuwaits nicht lange überdauert. Das Übel bleibt in der Welt - auch wenn das aktuell größte beseitigt wird.

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