Meinung : Reality gegen Publicity

OP-Shows: ein fragwürdiger Deal von Ärzten und Medien

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Von Alexander S. Kekulé RTL2 musste die geplante Umrüstung des „Big Brother“Containers zum Operationssaal absagen, seit Monaten am Casting beteiligte Schönheitschirurgen heißen auf einmal alle „Hase“ – und wissen von nichts. Seit die Kommission für Jugendmedienschutz das Ausstrahlen von Schönheitsoperationen „zu Unterhaltungszwecken“ auf die Zeit nach 23 Uhr verbannt hat, müssen auch andere Sender über ihre neuen Formate wie „I Want a Famous Face“ (MTV), „Alles ist möglich“ (RTL) und „The Swan“ (Pro Sieben) nachdenken.

So manches hässliche Entlein weint nun bittere Tränlein, weil es nicht auf Rechnung eines Privatsenders zum stolzen Schwan werden darf – doch bei Märchen und Medien darf man bekanntlich auf ein Happy End hoffen. An dem wird bereits juristisch gearbeitet. MTV behauptet, bei seiner Operationsshow, in der die Kandidaten solchen Stars wie Brad Pitt oder Elvis Presley nachmodelliert werden, handele es sich um eine „kritisch distanzierte Dokumentation über Auswüchse der Schönheitschirurgie“; die sei vom 23-Uhr- Verdikt nicht betroffen.

Die Schönheitschirurgen profitieren vom Medienrummel so oder so. Geht es nach einigen ihrer prominenten Vertreter, gehört die Korrektur mit dem Skalpell bald zum Alltag wie der Haarschnitt beim Frisör. Einstiegsdrogen wie Botox- oder Kollagenspritzen, minimal korrigierende Liftings und Kombi-Angebote von Wellness und Operation sollen die Hemmschwelle senken. Dazu müssen die Aufschneider allerdings ihre neuen Produkte bewerben: Weil keine Krankheit die Kunden zum Arzt treibt, ist der Jahrmarkt der Eitelkeiten streng angebotsorientiert. Dummerweise verbietet die ärztliche Standesordnung jedoch die direkte Werbung.

Als Ausweg aus dem Dilemma dealen „Doktor Schnipseldibipsel“ (Dieter Bohlen über Naddels Busen-Operateur) und seine Berufskollegen seit Jahren mit den Boulevardmedien: Reality gegen Publicity. Die Ärzte verkaufen Storys mit viel nackter Haut, Tränen und Blut gegen Präsentation ihres Angebots in Print oder Fernsehen. Die Formate sind meist als „Dokumentation“ getarnt und zeigen viel Busen und Po sowie das Logo der Beauty-Klinik. Im Vergleich dazu sind die neuen Shows nur eine graduelle Steigerung des schlechten Geschmacks.

Schon lange kritisieren die „plastischen Chirurgen“, die eine sechsjährige Spezialausbildung hinter sich haben, dass in Deutschland jeder Arzt Schönheits-OPs machen darf. Viele prominente (und wohlhabende) Skalpell-Figaros sind HNO-, Haut- oder Allgemeinärzte, die sich mit Hilfe der Medien einen Namen machen. Weil die selbst ernannten „Schönheitschirurgen“ in der Überzahl sind, konnten die „plastischen Chirurgen“ ihre Forderung nach höheren fachlichen und ethischen Standards bei den Ärztekammern nicht durchsetzen. Viele von ihnen ziehen die Konsequenz: Auch sie beauftragen eine Werbeagentur, um am Beauty- Boom mitzuverdienen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.Foto: J.Peyer

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