Meinung : „Recherche ist Poesie“

Rüdiger Schaper

Den Ganges entlanggefahren. Nach Mekka gepilgert. In Kenia zur Schule gegangen. Geboren 1965 in Sofia, Bulgarien: Die Biografie des Ilija Trojanow, der lange in Mumbai gelebt hat und in Kapstadt, erinnert daran, dass Sesshaftigkeit vielleicht doch nicht zu den größten zivilisatorischen Errungenschaften gehört. Im 19. Jahrhundert, als die Welt, wie wir sie zu kennen glauben, von den Kolonialmächten abgesteckt wurde, wäre er vielleicht ein Entdecker gewesen auf dem Rücken von Kamelen und Pferden, so wie der Engländer Richard Burton, der seltsam unnahbare Held in Trojanows „Der Weltensammler“.

Im vergangenen Jahr wurde dieser Roman – durchaus eine Überraschung – mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und zum Bestseller. Ein Buch, das sich von gängigen Reise- und Abenteuererzählungen unterscheidet wie ein Fußmarsch durch halb Afrika von einer Pauschalreise. Ilija Trojanow ist kein Prophet, auch wenn sein alttestamentarischer Vorname dies nahelegen könnte. Aber er hat sich länger, eindringlicher und auch kundiger mit Themen befasst, die seit dem 11. September 2001 so viele im Munde führten: Religion, Migration, die kulturelle Wahrnehmung der nichtchristlichen Hemisphäre.

„Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“: Der Titel seines ersten, 1996 erschienenen Romans spiegelt jenen Optimismus, der Trojanow befähigte, in Indien oder Arabien menschliche Erfahrungen zu machen, die man eben nicht aus Büchern oder kurzen Begegnungen gewinnen kann. Und wiederum ist die Tatsache, dass sein Band „An den inneren Ufern Indiens“ ins Englische übersetzt wurde, in die Sprache Richard Burtons und Bruce Chatwins, ein starker Hinweis auf eine Weltläufigkeit, die man in der deutschsprachigen Literatur doch nur sporadisch antrifft.

„Recherche als poetologische Kategorie“: Heute Abend hält Trojanow an der FU Berlin seine Antrittsvorlesung. 2006/07 war sein annus mirabilis, der Schriftsteller erntete Preise und Auszeichnungen. Nach Leipzig kam die Berufung zum Stadtschreiber in Mainz, schließlich der Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung, dotiert mit 30 000 Euro und verbunden mit der „Heiner-Müller-Professur für deutschsprachige Poetik“ der Freien Universität. Nomadentum als poetische Tat: Jetzt will sich Trojanow im deutschsprachigen Raum eine Weile niederlassen, vielleicht in Wien.

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