Meinung : Rechte Gewalt: Leitartikel: Der Tod im Schwimmbad von Sebnitz

Gerd Appenzeller

Noch ist es nur ein furchtbarer Verdacht. Aber wenn er sich bestätigt, wird auf das Bild Deutschlands ein tiefer Schatten fallen, und auch das Bild, das wir uns selbst von Deutschland machen, wird künftig ein anderes sein. Das Bild Deutschlands, wohlgemerkt, nicht nur das der Kleinstadt Sebnitz in Sachsen. Wenn sich herausstellt, dass dort vor drei Jahren - es geschah am helllichten Tag - in einem öffentlichen Schwimmbad tatsächlich ein sechsjähriges Kind von 50 rechtsextremen Jugendlichen umgebracht werden konnte, ohne dass einer der 300 Badegäste einschritt, werden dann nicht zwangsläufig die Zweifel kommen, ob es nach im Deutschland von heute wirklich ein langes, schmerzhaftes Begreifen der Ursachen der eigenen Schuld gegeben hat? Zwischen dem kollektiven Wegschauen bei den ersten massiven Übergriffen gegen die deutschen Juden am 9. November 1938, vor 62 Jahren, und dem Wegschauen bei der Ermordung eines kleinen Jungen am 13. Juni 1997 - gibt es da wirklich gar keine Gemeinsamkeiten? Bald mag man nicht mehr an die Nachhaltigkeit von Läuterungsprozessen glauben. Es darf sich, auch nicht im Kleinen, etwas wiederholen, von dem niemand will, dass es in Deutschland wieder geschehen kann.

Natürlich haben die Verbrechen des Jahres 1938 und das von Sebnitz, wenn es sich so abgespielt hat, eine völlig andere Dimension. Aber die Menschenverachtung, mit der sie verübt wurden, die immerhin wäre von vergleichbarer Abscheulichkeit. Wenn der sechsjährige Joseph Kantelberg-Abdulla, Sohn einer deutschen Mutter und eines irakischen Vaters, von Rechtsextremen umgebracht wurde, dann hat die fremdenfeindliche Gewalt in Deutschland die Dimension erreicht, die nach den Brandanschlägen von Solingen und Mölln wieder alles in Frage stellt, was wir bisher über den Umgang mit nationalistischen und fremdenfeindlichen Ausfällen gemeint haben bedenken zu müssen. Wenn im sächsischen Sebnitz geschah, was die Mutter des toten Sechsjährigen in ihrem Leid als gegeben annimmt, dann kann die Frage des Verbots rechtsextremer oder rechtsradikaler Organisationen nicht länger monatelangen Abwägungsprozessen überlassen werden. Dann muss gehandelt werden, dann darf vor rechtsstaatlicher Repression nicht zurückgescheut werden. Parteien mit Mitgliedern, die sich im Sympathisantenfeld des kriminellen Rechtsextremismus besonders wohl fühlen oder gar zu ihm gehören, haben keinen Anspruch auf Tolerierung. Wenn aus Fremdenhass ein sechsjähriges Kind gezielt und heimtückisch ermordet wird, dann ist die Sozialprognose der Täter weniger wichtig als ein Nie-wieder-Signal der Justiz.

Wenn Menschen bei einer solchen Tat zuschauen oder aus Angst vor den Tätern wegschauen, und wenn ermittelnde Polizisten später Hinweise darauf nicht wahr nehmen, dass es kein Unfall gewesen sein könnte - dann ist es eben genauso, wie es vor sieben Jahrzehnten angefangen hat. Und wenn sich eine ganze Kleinstadt in einem Komplott aus Angst, Feigheit und Gleichgültigkeit abschottet, dann sind das Mechanismen, die wir aus der deutschen Geschichte nur zu gut kennen.

Joseph Kantelberg-Abdullah lebte als Deutscher unter Deutschen. Er und seine Eltern waren in die deutsche "Leitkultur" integriert. Wie es die deutschen Juden gewesen waren. Studium von Vater und Mutter in Deutschland, Deutsch als Umgangssprache, deutsche Freunde. Vor Hass, Verfolgung und Tod bewahrte sie das nicht, weder den kleinen Jungen noch die deutschen Juden. Das ist die zweite entsetzliche Dimension des Vorgangs, sollte er sich so abgespielt haben. Neben der gewaltkriminellen Energie der Täter steht die Chancenlosigkeit ihrer Opfer, die weder fremd noch Ausländer waren. Der rechte Terror richtet sich gegen alles, was einer durch eine nationalistische, deutschtümelnde Gruppe definierten Norm nicht entspricht. Rechte Gewalt wendet sich gegen die Gesellschaft selbst und ist damit der Feind aller, nicht nur der Ausländer oder sozialer Randgruppen.

In einem Land, in dem ein Sechsjähriger von politisch motivierten Gewalttätern ermordet werden kann, weil Menschen nicht eingreifen, möchte man nicht leben. Wann werden wir endlich begreifen, dass die Gewalt gegen Ausländer, echte und vermeintliche, nicht die Ausländer tötet, sondern uns selbst? Wehret den Anfängen - dieser Ruf mag aus einer vergangenen Zeit ins Jahr 2000 herüberhallen. Aber heute ist er wieder aktuell.

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