Rechtsextremismus : Das Mitleid-Prinzip

Unerfreuliches durch Verschweigen bekämpfen? Michel Friedman macht das einzig Richtige, um der NPD zu schaden: Er redet mit ihr. Auf fast 90 Seiten ist nun sein Interview mit dem Neonazi-Anwalt Horst Mahler einsehbar.

Harald Martenstein

Zu den beliebtesten politischen Phrasen gehört der Satz, man müsse sich mit dem Rechtsradikalismus „auseinandersetzen“. Wenn man es wirklich tut, wenn man sich also auseinandersetzt, bekommt man in Deutschland oft Schwierigkeiten. Es ist nämlich nicht möglich, sich mit einer Person oder einer Idee auseinanderzusetzen, ohne einen Dialog zu führen.

In Deutschland setzt man sich mit dem Rechtsradikalismus nicht auseinander, stattdessen läuft man vor ihm davon. Wenn die NPD einen Wahlerfolg erzielt hat, ist das Fernsehen nicht in der Lage, mit einem NPD-Funktionär ein Interview zu führen wie sonst mit jedem Kannibalen, Ex-Stalinisten oder RAF-Mörder, stattdessen wird der Mann mundtot gemacht. Wer unter Rechtsverdacht steht, wie Eva Herman, wird aus dem Studio getrieben, wenn die NPD vor Schulen Flugblätter verteilt, wagen es Zeitungen nicht, daraus zu zitieren. Dahinter steckt nicht nur eine veraltete Medientheorie, nach der nur das wirklich existiert, was in den Medien vorkommt, mit anderen Worten, dass man Unerfreuliches durch Verschweigen bekämpfen könne – das unkontrollierbare Internet hat diese Theorie beschädigt. Dahinter steckt auch eine irrationale Furcht vor der scheinbaren Allmacht des rechtsradikalen Arguments. Offenbar können Naziparolen durch bloßes Ausgesprochenwerden die Massen verzaubern. Ein Misstrauen haben viele von uns offenbar auch sich selbst gegenüber, denn wer sich mit einem Gedanken wirklich auseinandersetzt, der muss ihn erst einmal in seinem Kopf zulassen. Das alles nützt vor allem den Nazis, deren mythische Größe als Medientabu in einem drolligen Missverhältnis zu ihrer intellektuellen Dürftigkeit steht.

Gegen den oft selbstgerechten Moderator Michel Friedman kann man einiges vorbringen, nun aber hat er eine journalistische Tat vollbracht. Für die Zeitschrift „Vanity Fair“ hat er mit Horst Mahler gesprochen, das ungekürzte Interview, fast 90 Seiten, steht im Internet. Der Anwalt Mahler, der schon bei der FDP, bei der SPD, beim SDS und bei der RAF als Unterstützer oder Mitglied tätig war, ist heute eine Art Neonazi-Chefideologe, das Gespräch beginnt er mit dem Gruß „Heil Hitler“, anschließend leugnet er die Judenmorde, kündigt Krieg an, das Übliche. Man erfährt, dass Mahlers Vater, ein Zahnarzt, sich aus Verzweiflung über die Niederlage Hitlers umgebracht hat, Mahler war damals 13. Die unausgesprochene Hauptfrage solcher Interviews lautet meistens, wie ein halbwegs zurechnungsfähiger Mensch bei solchen Ideen landen kann.

Hier drängt sich der Eindruck auf, dass es Mahler um private Erlösung vom Trauma seiner Jugend geht, früher als Linksradikaler, jetzt mithilfe des „Deutschen Reiches“. Er sagt: „Ich weiß, was Gott will!“ Seine Sätze klingen halb aggressiv, halb wahnsinnig, und irgendwann bekommt man fast zwangsläufig Mitleid mit diesem Mann, der von einem Hass gequält wird, den er nach außen kehren muss, um nicht zerrissen zu werden. Mitleid aber ist so ziemlich die letzte Regung, auf die Nazis Wert legen. Tabus wirken sexy, Mitleid nicht.

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