Rechtsextremismus : Es passte zu gut

Im Fall Ermyas M. war der moralische Reflex stärker als alle Vorsicht.

Peter Tiede

Ostersonntag 2006, der Deutsch-Äthiopier Ermyas M. wird in Potsdam niedergeschlagen und fällt ins Koma. Der Fall schien schnell klar. Doch gestern hat die Staatsanwaltschaft Potsdam im Prozess gegen die zwei Tatverdächtigen die Reißleine gezogen und Freispruch gefordert. Den Ermittlern war nach einer fast beispiellosen Pannenserie nichts anderes übrig geblieben: Ihnen waren mit zunehmender Prozessdauer schlicht die Beweise ausgegangen. Auch wenn an der Unschuld zumindest des Hauptangeklagten noch immer Zweifel bestehen.

Wenn der ganze Fall am Ende für irgendetwas gut gewesen sein wird, dann wohl nur, um zu zeigen, wie bei vermeintlich rassistischen oder antisemitischen Taten im politischen Reflex fast alle gesellschaftlichen Kontrollinstanzen versagen können. Ob bei Ermyas M. in Potsdam oder dem Italiener, der im Vorjahr in Berlin log, von Neonazis am Alex zusammengeschlagen worden zu sein, oder dem Synagogenbrand in Düsseldorf, der bis zur Aufklärung der wahren Brandursache mal eben als antisemitischer Anschlag durch die Öffentlichkeit geisterte – aus Angst, als Verharmloser rechter Gewalt gescholten zu werden, übertreiben Politiker und die Spitzen von Ermittlungsbehörden zunehmend in ihren Reaktionen und ordnen Taten politisch ein, noch bevor die Spurensicherung am Tatort fertig ist.

In Potsdam hat nach nur wenigen Stunden der Polizeipräsident die unaufgeklärte Tat eine „rassistische“ genannt, die Staatsanwaltschaft manipulativ einen selektiven Mitschnitt von einer Handy- Mailbox veröffentlicht. Und viele Medien übernahmen – teils ohne Anführungszeichen – eins zu eins die These von der rein rassistischen Tat. Aber es passte zu gut: Osten, Rechte, studierter Farbiger – fertig war die Geschichte vom edlen Schwarzen, der im gruseligen Osten von Neonazis fast ins Jenseits geprügelt worden war. Ob dies so war, wissen wir bis heute nicht. Und werden es wohl auch vorläufig nicht wissen. Hinzu kamen die Fußball-WM im eigenen Land, die No-go-Area-Debatte, ein Magazin, das gleichzeitig eine Stiftung für Opfer rechter Gewalt hat und einen frischen Fall für die Eigen-PR und den eigenen TV-Ableger braucht.

Und während aus bester Absicht – dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit – die politischen Reflexe vermeintliche Tatsachen schaffen, aus einem Verdacht medial Gewissheit wird, liegt ein Mann im Koma, der nach seinem Aufwachen zum zweiten Mal das Opfer sein wird – diesmal von denen, die ihn für ihre Interessen vereinnahmen. Die Rolle, die ihm zugedacht worden ist – das edle Vorzeigeopfer – kann der Potsdamer nicht ausfüllen.

Mehr Zeit, mehr Ruhe, nützt am Ende auch den Opfern.

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