Meinung : Rechtswege: Das andere Kind

Gerhard Mauz

Am vergangenen Freitag änderte das ZDF um 21.15 Uhr sein Programm. Statt der Reportage "Das schwarze Gold der Nordsee", sendete es ein "spezial": "Der Tod des kleinen Joseph - Was bleibt, ist Trauer." Der Bericht war behutsam, jedenfalls im Umgang mit der heute 15 Jahre alten Diana, der Schwester Josephs. Sie wurde befragt. Es war - inzwischen - unumgänglich, sie zu fragen. Doch ihr Verhalten und ihre Antwort wurden nicht kommentiert. Dieser Behutsamkeit gebührt kollegialer Respekt.

In einem Brief an die Eltern Josephs und Dianas, den ihr Anwalt Rolf Bossi schrieb und aus dem der "Spiegel" in dieser Woche zitiert, heißt es: "Ich hatte zuletzt noch unter Hinweis auf Ihre gemeinsame Tochter gebeten, doch eine Überlebensstrategie zu erarbeiten, mit der Sie aus diesen ganzen Widerwärtigkeiten versuchen sollten, herauszufinden. Ich kann Sie nur nochmals inständig bitten, darüber nachzudenken."

Bossis Brief vom 8. Februar 1999 ist eine einzige Beschwörung. Doch die hat Josephs Eltern, die Apothekerin Renate Kantelberg-Abdulla und ihren Ehemann, den Apotheker Saad Abdulla, nicht erreicht, nicht bewegt, nicht innehalten lassen. Der wichtigste Hinweis in diesem Brief, der "auf Ihre gemeinsame Tochter", wurde nicht angenommen.

Dies ist kein Kommentar, sondern eine gleichfalls inständige Bitte - nicht mehr allein an die Eltern Josephs und Dianas, sondern an alle Beteiligten und Betroffenen: die Medien, die Politiker, die Bürger von Sebnitz, an zu Unrecht Beschuldigte und auch an jene, denen sich aus rechter oder linker Sicht hier ein verführerischer Stoff anzubieten scheint. Es geht um das Kind, das den Abdullas geblieben ist.

Am 13. Juni 1997 ist Joseph leblos aus dem Becken des "Dr. Petzold-Bades" in Sebnitz geborgen worden. Wiederbelebungsversuche, zuletzt im Kreiskrankenhaus, hatten keinen Erfolg. Für die Eltern Josephs war ihre Tochter Diana die Gesprächspartnerin über die Umstände seines Todes. Sie war zusammen mit ihrem jüngeren Bruder in das Schwimmbad gegangen. Sie trug, ob das ausgesprochen worden ist oder nicht, die Verantwortung für ihn. Eine viel zu große Verantwortung für eine 12-Jährige, wenn dann doch etwas passiert.

Im Dezember 1995 zogen die Abdullas nach Sebnitz und übernahmen eine Apotheke in der Langen Straße. Die Abdullas fühlten sich von den beiden bereits ansässigen Apotheken und der Ärzteschaft boykottiert. Welches Ausmaß die Auseinandersetzung annahm, hat der "Stern" ermittelt. Im Sommer 1997 wurde der Familie ihre Apotheke fristlos gekündigt. "Wir sollten verschwinden, weil wir die Korruption im Ort aufgedeckt haben." So die Abdullas zum "Stern". Sie verschwanden nicht. Sie nahmen einen Kredit auf und kauften sich das Haus in der Rosenstraße, das nun alle kennen, und arbeiteten dort weiter als Apotheker. Die Abdullas haben ihre Schwierigkeiten immer auf die Neonazis zurückgeführt. Saad Abdulla wurde im Irak geboren. Er ist mit einer deutschen Frau verheiratet. Jeder kennt die Versuchung, alle Probleme, die er hat, auf einen Feind zurückzuführen. Der Widerstand, der Kampf gegen ihn, füllt das Leben aus, ersetzt, was fehlt, erklärt alles. Für die Abdullas standen hinter allem, was ihnen widerfuhr, die Neonazis, der Fremdenhass.

Ein zwölfjähriges Kind ist überfordert, eine Verantwortung zu übernehmen, wenn etwas so Schlimmes passiert. Sollte man nicht verstehen, wenn es, um sich selbst zu schützen, auf die familiären Feindbilder zurückgreift? Wo doch zudem die Eltern sie befragt haben und nicht geschulte Kriminologen, die Suggestivfragen vermeiden und auf Widersprüche achten. Diana hat sehr viel Widersprüchliches ausgesagt.

In Münster wurde im Mai 1995 ein Mann nach 120 Sitzungstagen von der Anklage freigesprochen, zwischen 1983 und 1991 an 63 Kindern sexuellen Missbrauch begangen zu haben. In der Verhandlung war sichtbar geworden, wie Kinder zu Äußerungen gebracht werden können, die unwahr sind. Die Behauptungen, auf die sich die Anklage in Münster stützte, waren nicht von Richtern aufgenommen worden. Die Eltern hatten aufgeschrieben, was sie von ihren Kindern erfragt hatten.

In dem Gutachten, das die Eltern Abdulla vom kriminologischen Institut Hannover erhielten, stand immerhin, "es sei in Erfahrung zu bringen, wie die Befragten zu ihrer Aussage veranlasst wurden". Die Medien haben versäumt, sich klarzumachen, was unbewusst suggestive Befragung vermag.

Diana, die große Schwester, zwölf Jahre alt, als ihr Bruder starb, stand unter einem unbeschreiblichen Druck, als ihre Mutter sie am 13. Juni 1997 befragte. Und auf ihrer Mutter lastete das Feindbild, gegen das sie und ihr Mann anlebten. Der Feind, der auch und gerade den Tod Josephs herbeigeführt haben musste. Da saß eine 12-Jährige vor ihren Eltern, und sie war im Schwimmbad gewesen, als ihr kleiner Bruder starb. Hinter allem, was die Abdullas danach unternahmen, steht, was ihre Tochter ihnen sagte. Ich kann nur, wie der Rechtsanwalt Bossi, inständig bitten für dieses Kind. Trotzdem, auf den Knien des Herzens, wie Kleist sagte.

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