Meinung : Rechtswege: Die Kinder sind unser Spiegel

Gerhard Mauz

Warum eigentlich Kommentare wie diesen hier? Um "Denkanstöße" zu geben? Ach nein. Das Denken bedarf keiner Anstöße. Es steht im Sturm, in der Flut von Appellen, die dazu aufrufen, für oder gegen etwas Stellung zu nehmen, zu fordern oder nicht zuzulassen. Und die Themen, mit denen die Sturmflut auf das Denken einpeitscht, lassen sich nicht mehr zählen.

Wo das Leben, das Überleben des Homo sapiens tatsächlich oder jedenfalls am dringendsten auf dem Spiel steht, wie soll man es noch erkennen? Werden sich die Palästinenser und die Israelis in die Arme sinken und Frieden machen, wenn das Rauchen weltweit verboten wird? Werden Albaner und Serben sich versöhnen, wenn es gelingt, lieber nackt als Pelz durchzusetzen?

Diesem Kommentar geht es nicht um einen Denkanstoß, er appelliert nicht und schon gar nicht ruft er zu etwas oder gegen etwas auf. Er bittet nur darum, auf ein Bild zu schauen, das wir vor Augen haben; das uns die Sturmflut nicht aus den Augen verlieren lassen muss.

Mehr und früher strafen?

Im Augenblick steht das Jugendstrafrecht obenan. In Düsseldorf wird gegen Andreas H. verhandelt, der im März 2000, 14 Jahre alt, verfolgt von einem Streifenwagen, mit einem 40-Tonner über die Autobahn raste und in den Niederlanden eine Straßensperre durchbrach. Er verletzte einen holländischen Polizisten so schwer, dass dieser starb. Er hinterließ seine Frau und seine zwei Kinder. In Bayern hat ein 12-Jähriger ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt.

Wir wissen, dass die Kinder und die Jugendlichen ein Spiegel des Zustands der Welt sind - unserer Welt, der Welt der Eltern und der Älteren. Das ist ein höchst unbehagliches Wissen. Und so sind wir geneigt, es zu verdrängen, es zu vergessen. Wir haben natürlich das Mittelalter längst überwunden. Damals wurden jugendliche Diebe gehenkt. Aber verdammt noch mal, wohin führt das eigentlich? Immerhin hat der Geiger Yehudi Menuhin, mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wegen seines Eintretens für Gerechtigkeit und Versöhnung ausgezeichnet, nach den ausländerfeindlichen Unruhen in Rostock vorgeschlagen, die Prügelstrafe wieder einzuführen.

Den Anfang hat im Januar dieses Jahres der Politiker Rupert Scholz gemacht. Er ist Vorsitzender des Bundestagsrechtsausschusses. Er sprach sich - nicht zum ersten Mal - dafür aus, Kinder bereits ab dem Alter von zwölf Jahren als strafmündig zu behandeln. Nach geltendem Recht beginnt die Strafmündigkeit erst mit 14 Jahren. "Denn heute", so Scholz, "setzt in Wirklichkeit die Einsichtsfähigkeit der jungen Menschen früher ein". Die Zahl der tatverdächtigen Kinder unter 14 Jahren sei in den vergangenen neun Jahren von 62 500 auf 150 600 gestiegen. Auch die Möglichkeit, Jugendliche vom 18. bis zum 21. Lebensjahr als Heranwachsende nach dem Jugendstrafrecht zu verurteilen, möchte Scholz abschaffen. Das Erwachsenenstrafrecht müsse bereits mit 18 Jahren einsetzen, "denn dann sind die Menschen volljährig, mündig und für jede sonstige Rechtshandlung verantwortlich".

Die Wahlkämpfe dieses Jahres sind in vollem Gange. Und in Hamburg will der Richter Schill die Innere Sicherheit wieder herstellen. Als Justizsenator wünscht er sich den ehemaligen Generalbundesanwalt Stahl, der wie er die Meinung von Rupert Scholz teilt. Und Stahl ist nicht abgeneigt, obwohl er selbstverständlich weiter ein Liberaler bleiben will.

Es ist nicht leicht, jung zu sein

Dies ist kein Aufruf, gegen die Herren Scholz, Schill und Stahl zu demonstrieren, die sich auch für die Verwahrung von Kindern und Jugendlichen in geschlossenen Heimen einsetzen. Ich behaupte nicht einmal, es würde ein irreparabler Schaden angerichtet, wenn Kinder und Jugendliche fortan nach den Vorstellungen dieser drei Könige des Strafrechts behandelt werden würden. Denn Kindern und Jugendlichen wird heute bei ihrem Auf-, Hinein- und Heranwachsen schon so viel zugefügt, dass ihnen auch der zornigste Unwillen nicht noch mehr antun kann. Nur eine Steigerung ist noch möglich: eine genetische Prüfung, wer überhaupt Kinder bekommen darf. Oder, so lange sich das nicht durchführen und durchsetzen lässt: eine genetische Überprüfung der Neugeborenen, die klärt, ob sie auf-, hinein- und heranwachsen dürfen.

Kinder und Jugendliche sind ein Spiegel der Welt der Eltern und der Älteren. Kinderlosigkeit kann der Renten wegen keine Lösung sein. Nein, nein, nein, Kinder müssen sein. Es muss eben ihre Einsichtsfähigkeit früher einsetzen. Dass ihnen der Zustand der Welt schon in der Wiege begegnet, in der Familie, im Kindergarten und in der Schule - es muss sie nachdenken, reifen lassen.

Dieser Kommentar ist nur die Bitte, das Bild der eigenen Kindheit nicht aus den Augen zu verlieren. Die mag gut gewesen sein. Wie wäre sie heute?

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