Meinung : Rechtswege: Die mitverhaftete Familie

Gerhard Mauz

Ein Leser dieser Zeitung bedauerte unlängst, dass Filme des Fernsehens nicht vorgestellt und erörtert werden. Das ermutigt mich dazu, Sie mit dem Film "Sippenhaft" bekannt zu machen, den Simone Jung gedreht hat. Er handelt von den Menschen, denen es widerfährt, unschuldige Angehörige von Straftätern zu sein.

Seit zweieinhalb Jahren befindet sich ihr Ehemann im Strafvollzug. "Schatz, mach Dir keine Sorgen, ich bin verhaftet", sagte ihr Mann am Telefon. Michaela hat drei Kinder. Auch sie ist von ihrem Mann betrogen worden. Er hat, das wurde nachgewiesen, ihre Unterschrift auf den Papieren gefälscht, mit denen er betrügerische Geschäfte betrieb. Plötzlich stand sie mit einem Berg von Schulden da. Einmal im Monat darf sie ihn 45 Minuten lang besuchen. Sie nimmt die Kinder mit. Sie sollen den Kontakt zum Vater nicht verlieren. Auch die Kinder werden am ganzen Leibe visitiert.

Gerichtsvollzieher, Räumungsklage. Ihr wird empfohlen, mit den Kindern ins Obdachlosenheim zu gehen. Über das Bürgertelefon bekommt sie schließlich eine Wohnung, wenn auch in einem "sozialen Brennpunkt" und endlich, nach Monaten und trostlosen Behördengängen, Sozialhilfe. Sie kann jetzt mal anfangen, Fuß zu fassen.

Oder das Beispiel Marcel: war sieben Jahre, als die Mutter ins Gefängnis kam. Sie hat sich als Kurier für Drogen missbrauchen lassen. Immer müssen die Angehörigen die Strafe mittragen. Jeder weiß, was sie getan hat. Meine Mutter hat mich verlassen. Er tritt die Flucht nach innen an. Die Schande haftet an ihm. Du bist ein Knacki-Kind. "Unter Kindern geht es ganz schön gemein zu."

Oder Simon Jung: Seine Frau hat ihren Onkel erschlagen. Zuerst geriet er selber in Verdacht. Dann gestand seine Frau den Totschlag. Sie ist von dem Onkel sexuell missbraucht worden. Er besucht sie. Er grübelt. Hat er Anzeichen übersehen? Mit kleinen Schritten versucht er, seiner Frau in ihrer Scham näher zu kommen.

Michaela sieht ihre Zukunft nicht in ruhigen Bahnen. Er hat ihr Vertrauen missbraucht. Er ist ein liebevoller Vater. Aber der Riss sitzt tief. Soll die Ehe noch bestehen bleiben? Das ist schwer, sehr schwer. Ihr Mann hat ihr Vertrauen missbraucht. "Auch ich wurde von ihm betrogen". Er hat einen Krater großer Verzweiflung angerichtet. "Wir Frauen sind doch blöde."

Ständig befinden sich in der Bundesrepublik eine halbe Million Menschen in einer vergleichbaren Situation und werden in Sippenhaft genommen. Deshalb musste dieser Film besprochen und erörtert werden. Ein bewundernswerter WDR-Film - "Sippenhaft".

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