Meinung : Rechtswege: Ohne Worte

Gerhard Mauz

Der Angeklagte sagt in seinem Schlusswort: "Ich bereue die Taten". Er sagt das leise. Er wird zu sieben Jahren Haft und zur Einweisung in die Psychiatrie verurteilt. Er hat sieben Kinder und Jugendliche sexuell angegriffen. Er ist brutal vorgegangen. Eine Achtjährige hat er im Mai dieses Jahres bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt.

Was ist Reue? Wird bereut, um zu einer milderen Strafe zu kommen? Zwei Jugendliche haben einen Gleichaltrigen zusammengeschlagen. Es ging ihnen nicht um seine Bomberjacke oder seine Sportschuhe von Nike. Sie haben zugeschlagen, weil es am Abend so langweilig war. In dem Ort, in dem sie leben, werden abends um sechs Uhr die Bürgersteige hochgezogen, sagen sie. Sie bereuen ihre Tat. Ihr Opfer, fünfzehn Jahre alt, wird als Zeuge im Rollstuhl in den Saal gefahren. Der Junge ist, seit er zusammengeschlagen wurde, querschnittsgelähmt. Er wird nie mehr gehen können in seinem Leben. Was ist Reue wert, gleich ob es ihr um eine mildere Strafe geht oder ob sie empfunden wird?

Ein Mann hat eine sexuelle Beziehung zu einem minderjährigen Mädchen. Als Verdacht aufkommt, entlastet ihn das Kind. Denn es meint, es liebe den Mann. Doch dann tötet der Mann das Mädchen, als er wieder mit ihm verkehrt. Er fürchtet, es werde ihn irgendwann nicht mehr entlasten. Der Mann hat gesagt, was er getan hat. Er sagt auch, warum er es getan hat. Er bereut seine Tat. Reue kann für die Angehörigen eines Opfers unannehmbar sein.

Eine Achtzehnjährige hat gerade den Führerschein gemacht. Sie verunglückt, als sie über einen Bordstein fährt und ins Schleudern kommt. Auf dem Beifahrersitz stirbt ihre beste Freundin. Sie bricht sich das Genick. Der Achtzehnjährigen tut "total" leid, was geschehen ist. Sie sagt das im Fernsehen. Sie sagt auch, dass sie vergeblich versucht hat, mit den Eltern der toten Freundin zu sprechen und ihnen ihr Beileid zu bekunden. Daran, dass die Achtzehnjährige an dem trägt, was geschah, und dass sie daran ihr Leben lang tragen müsse, ist nicht zu zweifeln. Aber der Schmerz über das, was man getan oder unterlassen hat, ist nicht mitteilbar. Es gibt keine Worte für ihn. Total ist das falsche Wort, ist Jargon und nicht Zerknirschung. Und das Wort Beileid verfehlt, dass die Achtzehnjährige für die Eltern der Freundin eine Täterin ist.

Ein Achtzehnjähriger, der wegen des Dessauer Mordes an Alberto Adriano in Halle zu neun Jahren Jugendstrafe verurteilt wurde, sagte in seinem Schlusswort, wenn er in der Haft durch Arbeit Geld verdiene, wolle er das den Angehörigen Adrianos zukommen lassen. Nur in wenigen Berichten über den Prozess ist das erwähnt worden. Es gibt auch keine Geste, die als der Versuch verstanden wird, Reue auszudrücken. Muss nicht ein Täter, der tatsächlich bereut, Hand an sich legen, ohne dass es, wie so oft, bei einem Versuch bleibt, der misslingt?

Wenn einer oder eine nicht von Reue spricht: Vielleicht kann man Reue nur empfinden und nicht von ihr sprechen. Und wenn wir uns darüber empören, dass Reue nicht ausgesprochen wird: Vielleicht weicht unser Zorn nur davor zurück, dass die Tat, um die es geht, und von der wir nicht direkt betroffen sind, uns daran erinnert und vor Augen führt, wie gefährdet auch wir, unsere Angehörigen und unsere Freunde in jedem Augenblick leben.

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