Meinung : Rechtswege: Verfahren vor Gericht kennen kein Drehbuch

Gerhard Mauz

Mitunter habe ich das Gefühl, die Gerichtssendungen von Sat 1 und RTL sind so erfolgreich - weil vor allem Richter, Staats- und Rechtsanwälte sie sehen. Die muss es mit melancholischer Heiterkeit erfüllen, wie da beispielsweise eine Lehrerin, die Schüler misshandelt haben soll, im Transrapid-Tempo abgeurteilt wird. Denn die Verhandlung wird durch das Drehbuch von allem befreit, was der Alltag der Gerichte ist.

Im Alltag müssten Zeugen gehört werden, würden Anträge gestellt. Es wären auch Sachverständige zu hören. Beispielsweise dazu, wie ein Bundeswehrspind, in den eine Frau eingesperrt worden war, über die Fensterbank aus dem ersten Stock in den Hof hinuntergestürzt wurde, abgesehen von der Frage, wer das Opfer zuvor eingesperrt hat. Dass der Angeklagte, wenn er es denn war, eine Statur hat, der man die erforderlichen Kräfte zutrauen kann, dürfte als Beweis nicht ausreichen.

Um bei der Abfahrt durch den Eiskanal das Ziel mit einem möglichst guten Ergebnis zu erreichen, muss man sich "mittig" halten, haben wir in den olympischen Tagen gelernt. Andererseits hörten wir, dass eine Tochter, deren Vater eine Äußerung von ihr als flapsig empfand, zur Antwort gab "Träume weiter". Es ist ziemlich schwierig beiden Positionen gerecht zu werden.

"Wir sind hier bei Gericht"

Von 15 bis 17 Uhr führen die Richterin Barbara Salesch und der Richter Alexander Hold auf Sat 1 "Gerichtsfälle" vor. Im Programm werden sie als "Gerichtsshow" angekündigt. Der Name der Richterin Ruth Herz bleibt bei RTL in der Ankündigung von "Das Jugendgericht" verborgen. Die Sendungen sind sehr erfolgreich und mit viel Werbung durchschossen und geschmückt.

Da wird dann auch mal in einer Sendung eine Ordnungsstrafe angedroht und schließlich auch verhängt. "Wir sind hier bei Gericht", heißt es in diesem Zusammenhang.

Mit dem tatsächlichen Alltag der Gerichte hat das nichts zu tun, wie Gisela Friedrichsen dieser Tage in einem Referat bei der Max-Planck-Gesellschaft vorgetragen hat.

Das beginnt mit dem geradezu sanitär ordentlichen Saal, in dem verhandelt wird. Der lässt nichts von dem spüren, was bedrängend und bedrückend die Gerichtssäle ausmacht und was auch in Neubauten durchschlägt und der Alltag ist.

Und das Publikum in der Gerichtsshow ist ein hoch ordentliches Publikum - von dem Zwischenrufer abgesehen, einem ehemaligen Liebhaber der Angeklagten, der sich die Ordnungsstrafe zuzieht und schließlich aus dem Saal gewiesen wird, weil wir ja hier bei Gericht sind. Dass der Richter, der über eine Eifersuchtstat zwischen zwei Frauen zu entscheiden haben wird, den Saal mit der launigen Bemerkung betritt: "Ich bezweifele, dass alles mit Hormonen zu erklären ist" - würde im Alltag nicht unbeanstandet durchgehen.

Da darf ein Angeklagter, der neben einer Verlobten eine zweite Frau hatte, von der er behauptet, sie habe ihn lediglich als Samenspender wegen ihres unüberwindlichen Wunsches nach einem Kind begehrt, auf die Frage, warum er sich als Verlobter darauf eingelassen habe unter Gelächter - gewiss nicht nur im Gerichtssaal - die Antwort geben: "Zwei Frauen, das ist ja auch keine schlechte Sache".

Das 30-Minuten-Urteil

Doch ein Angeklagter, der meint, Frauen sollten es sich überlegen, zur Bundeswehr zu gehen, wird zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und zu einem Schmerzensgeld.

Im Alltag der Justiz würden Sachverständige hinzugezogen werden, forensische Psychiater. Der Angeklagte hat Vorstrafen. Es wären Zeugen aus seinem Umfeld zu hören. Sein Verteidiger würde Anträge stellen. Beispielsweise wie denn der oben erwähnte Spind, in dem die Frau eingesperrt war, durch das Fenster im 1. Stock geschafft wurde. Welche Spuren das hinterlassen hat. Es wären die Vorgesetzen und Kameraden des Angeklagten zu hören, wie weit denn der Angeklagte mit seiner Meinung, Frauen sollten zögern, sich als Zeitsoldaten auf zehn Jahre zu bewerben, im täglichen Umgang gegangen ist. Aber das passt nicht in eine Gerichtsshow. Das wäre entschieden ein Show-widriges Element.

Der Alltag der Justiz sieht anders aus. Er braucht mehr Zeit - aber die Sendezeit lässt nun einmal mehr Zeit nicht zu. Da muss man eben eine Lehrerin, die einen Schüler misshandelt haben soll, in knapp 30 Minuten verurteilen. Richter, Staats- und Rechtsanwälte werden diese Shows mit melancholischem Humor sehen. Der Alltag der Justiz kennt keine Zeitvorgaben, der hat kein Drehbuch

Mit "mittig" und "träume weiter" im Ohr, ist es arg schwer, mittig zu bleiben im Eiskanal, der in eine vernünftige Entscheidung münden soll.

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