Meinung : Rechtswege: Wie die Welt mit ihren Kindern umgeht

Gerhard Mauz

Alle Kulturen schützen ihre Jugend und erst recht ihre Kinder. Auch die Bundesrepublik hat ein Jugendrecht. Ein ausgezeichnetes zudem. Es regelt beispielsweise die allgemeine Förderung und Erziehung in der Familie, die Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung. Und es enthält Grundsätze zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen. Auch die Betreuung und Versorgung von Kindern in Notsituationen fehlt im Gesetz nicht.

Jungen Menschen und Erziehungsberechtigten sollen Angebote des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes gemacht werden, die jungen Menschen befähigen, sich vor gefährlichen Einflüssen zu schützen und sie zu Kritikfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortung sowie zur Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen führen und Eltern und andere Erziehungsberechtigte besser befähigen, Kinder und Jugendliche vor gefährlichen Einflüssen zu schützen.

Geld für Drogen

Doch nun mussten zwei Mädchen von 14 und 16 Jahren durch eine Großfahndung gestellt werden, denen eine Serie von Raubüberfällen vorgeworfen wird. Einer Schwangeren sollen sie ein Messer an den Bauch gehalten haben. Die Mädchen beschafften sich so das Geld, das sie für Drogen und Discobesuche brauchten.

Ein banaler Fall von Jugendkriminalität, wenn man so will. Doch er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Intifada, den Kampf der Palästinenser gegen die Israelis. In dem Aufstand der Palästinenser sind bisher nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef seit ihrem Beginn vor 17 Monaten 251 palästinensische und 46 israelische Kinder ums Leben gekommen. 7000 palästinensische Kinder sollen verletzt worden sein und 500 von ihnen Verletzungen davongetragen haben, die sie lebenslang behindern werden.

Was führt Unmenschlichkeit so vor Augen wie Schüsse auf Jugendliche und Kinder? Und so schicken die Palästinenser weiter Jugendliche und Kinder vor. "Eine Wunde ist eine Ehre", soll ein 15 Jahre alter Junge gesagt haben, der israelische Soldaten am Stadtrand von Ramallah mit Steinen bewarf.

Jugendliche und sogar Kinder als Demonstrationsobjekte und Anlass zur politischen Agitation. Kann man nicht Jugendliche, nicht wenigstens Kinder auslassen? Nein, in einem Krieg, - denn beide Seiten erklären, dass sie sich in einem Krieg gegeneinander befinden - da macht eine Kinderleiche natürlich einen Eindruck von der Grausamkeit der anderen Seite.

Der Stolz der Kindersoldaten

In aller Welt gibt es Kindersoldaten, bewaffnet sind sie, stolz erzählen sie, wie viele Menschen sie schon getötet haben. Vergebens hofft man, dass einmal ein Zeichen dagegen gesetzt wird.

Ist die Kindheit der kämpfenden Kinder an der Widersprüchlichkeit, an der Inkonsequenz der so genannten Erwachsenen zu Grunde gegangen? Man kann nicht mehr sagen, die Täter seien aber doch Kinder. Kinder sind sie ihrem Alter nach, aber ob sie als solche bezeichnet werden können - Vorsicht. Wenn es zutrifft, dass die Gegenwart die Vergangenheit ist, wie der Dichter T.S. Eliot meinte, dann ist es eine schreckliche Vergangenheit, die sich hier präsentiert und behauptet. Und wie soll man dann die Jugend vor der Übermacht schrecklicher Einflüsse bewahren, nicht nur in Bürgerkriegsregionen, sondern auch bei uns in Deutschland?

Der Kanzlerkandidat der Union, Edmund Stoiber, hat gesagt, dass er, wenn er Kanzler werde, dafür sorgen werde, dass der Schutz vor Menschen, die Kinder getötet haben, Vorrang erhalten werde vor einer Resozialisierung. Er übersieht dabei, dass eine Re-Sozialisierung nur möglich ist - wo eine Sozialisation stattgefunden hat. Wo eine Position, die einmal vorhanden war, aus welchen Gründen auch immer, verloren ging.

Einfluss der Umwelt

Was einem Menschen zu seinen Anlagen zuwächst bis er ein Erwachsener ist, kann, aber muss nicht eine Sozialisation sein. Hier bleibt der Mensch seiner Umwelt überlassen, Einwirkungen, denen er sich kaum entziehen kann. Die Strafmaße erhöhen, Sicherungsverwahrung schon gegen Ersttäter möchte Stoiber einführen. Das klingt so prächtig einfach. Wir befinden uns im Wahlkampf. Von Kindern wird bis zum September oft die Rede sein. Das bringt was.

Doch Wahlkämpfe sollten respektieren, dass es Themen gibt, die zu heikel sind, um ausgebeutet zu werden. So schrecklich die Sexualmorde an Christina, Ulrike und Julia sind, so ungeheuerlich - sie dürfen nicht ausgebeutete werden. Sie müssen zu Überlegungen und Maßnahmen führen, die zu schwierig sind, als dass die Diskussion durch Agitation gestört werden darf.

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