Rede bei der Sicherheitskonferenz : Gaucks Lesart der Geschichte

Joachim Gauck mahnt die Deutschen, sich nicht länger hinter dem Holocaust zu verstecken. Aber wen meint er damit? Der Bundespräsident muss sich im Klaren darüber sein, dass seine Rede auch jenen Auftrieb geben kann, die die Schrecken der Geschichte gerne ganz vergessen würden.

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Bundespräsident Joachim Gauck sprach am Freitag in München bei der 50. Sicherheitskonferenz.
Bundespräsident Joachim Gauck sprach am Freitag in München bei der 50. Sicherheitskonferenz.Foto: dpa

Was ist mit Joachim Gauck in dieser Woche geschehen? Noch am Montag saß das deutsche Staatsoberhaupt im Bundestag und gedachte der Millionen Opfer des Holocaust. Es waren Menschen, die starben, weil Deutsche jede Menschlichkeit vergaßen und ihre Verantwortung in der Welt für einen Augenblick der Geschichte als das Recht einer Herrenrasse missbrauchten.

Nur fünf Tage später mahnt uns derselbe Joachim Gauck in München, Weltabgewandtheit und Bequemlichkeit nicht hinter unserer historischen Schuld zu verstecken. In der Selbstvergewisserung der Deutschen über ihre Stellung in der Weltenfamilie des 21. Jahrhunderts und ihrer Verantwortung sieht der Präsident den Hang zur kritikwürdigen „Selbstprivilegierung“.

Das ist starker Tobak. Zum einen, weil Gauck seinem Volk vorwirft, es verstecke sich feige hinter Auschwitz, während andere in Kriege ziehen müssen. Wen meint der Präsident? Die Grünen? Die Blümchenpartei, Heimat aller Wehrdienstverweigerer? Ihnen könnte (abgesehen von den Linken, die gegen alles sind) der Gauck’sche Vorwurf am ehesten gelten. Aber vom bequemen Wegducken der Grünen unter Hinweis auf historische Schuld kann ja wohl niemand ernsthaft reden. Schließlich haben sie 1999 den Kosovo-Einsatz nicht trotz Auschwitz mitgetragen, sondern wegen Auschwitz und der deutschen Schuld. Kaum jemand hat sich in der jüngsten deutschen Geschichte intensiver mit internationaler Verantwortung auseinandergesetzt. Wer sonst käme infrage? Gerhard Schröders „Nein“ zum Irakkrieg? Nein. Gauck warnt zugleich vor militärisch „reflexhaftem Ja“. Schröder (und die Mehrheit der Deutschen mit ihm) widerstand diesem Reflex. Wer also duckt sich hinter dem Schirm des Holocaust?

Und wenn sich einer ducken würde unter der Last dieses Teils der Geschichte, sollte ihn dann dafür das Staatsoberhaupt kritisieren? Es ist erst 70 Jahre her, dass deutsche Großmannssucht die Welt verfinstert hat. Und der rechtsextreme NSU- Terror zeigt genauso wie die Merkel-Bilder in Hitleruniform in Athens Straßen, dass die Geschichte noch immer präsent ist. Sollen wir die Erinnerung daran wirklich zur Seite schieben, wenn wir unsere außen- und sicherheitspolitischen Verpflichtungen in Zukunft definieren?

Gaucks eindringliche Mahnung zu einer intensiven Diskussion der internationalen Verantwortung Deutschlands ist richtig. Wer dabei aber das Prinzip der Spiegelung aller Entscheidungen vor der Geschichte infrage stellt, muss wissen, dass er jenen einladend die Tür öffnet, die dieses finstere Kapitel der Deutschen längst abschütteln wollen, bis es ganz vergessen ist.

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