Meinung : Regierung und Opposition: Ganz schön kühl

Stephan-Andreas Casdorff

Es wird heiß. Es ist Sommer. Die Politiker fahren in die Ferien, oder sie sind schon gefahren. Gerhard Schröder ist weg, Angela Merkel ist es jetzt auch, die beiden, die sich danach anders begegnen werden, vermutlich, wahrscheinlich: als Kanzler und als Kanzlerkandidatin. Und nur weil die beiden gerade nicht da sind, wird es noch lange kein Sommerloch geben.

Denn das haben die letzten Tage gezeigt: Die Sache zwischen Merkel und Stoiber ist noch interessant genug. Sie ist eben nicht für den Bayern entschieden. Und die Bundestagswahl auch noch nicht für Schröder. Mehr als ein Jahr ist es noch bis dahin, und bei den Stimmungsschwankungen der Wähler ist alles drin. Im Sommerloch wird das auszuloten sein.

Wer diese Prognose nicht glaubt, dem sei gesagt: Die großen Parteien haben immer weniger Stammwähler. Die Zahl der Wechselwähler hat enorm zugenommen, weshalb es ja den Meinungsforschungsinstituten auch schwerer als früher fällt, zutreffende Prognosen abzuliefern. Die Instrumentarien der Befragung müssen immer feiner werden. Aber so viel wissen die Wahlkampfmanager: Die Stammwähler der SPD, zum Beispiel, liegen unter 20 Prozent. Da muss, wer gewinnen will, ganz schön anpacken. Da kann, wer von der Union zupackt, noch ganz schön gewinnen.

Diese Chance sieht Angela Merkel sehr wohl. Und wo sie eine Chance sieht - genau, das kennen wir schon an ihr: Die nutzt sie. So kühl ist sie allemal. Die neuesten Nachrichten aus dem Unions-Camp entsprechen dem. Dass Jürgen Rüttgers, der CDU-Vize aus Nordrhein-Westfalen, nicht zum engeren Wahlkampfteam gehören wird, hat er sich selbst zuzuschreiben. Rüttgers habe, so sagen selbst Merkels Kritiker, sich oft genug auf Kosten aller, sprich: der Partei zu profilieren versucht. Jetzt wird sie sich ohne ihn profilieren. Und sie, das ist die Partei und Merkel. Die will für beide gewinnen, nicht sympathisch untergehen.

Bei solchen Überlegungen wird der Kanzler wieder überlegen lächeln. Aber Vorsicht: Es ist Sommer, es wird heiß - auch für ihn. Übermut kommt vor dem Fall, sagt man. Gar kein Mut auch, müsste es auf Schröder gemünzt heißen. Denn überall liegen Lunten herum, und im Sommerloch könnten ein paar zu zündeln beginnen. Der Reformstau - ja, das Wort wird bestimmt noch kommen, diesmal von der Union, und diesmal von ihrer Seite aus bezogen auf die Bereiche Gesundheit, Steuersenkungen, Arbeitsmarkt. Weil CDU und CSU hier zu spät mit den Reformen begonnen hatten, ging die 98er Wahl verloren - eine ruhige Hand hätte ihnen nichts genutzt.

Und dann Mazedonien! Der Einsatz ist sowieso umstritten, auch in den eigenen, den sozialdemokratischen Reihen bis hinauf zum Verteidigungsminister. Aber der außenpolitische Berater des Kanzlers, der gerne in der Öffentlichkeit Schröders Stimme ist, zeigt sich dennoch undiplomatisch. Dass Schröder Druck auf die Koalition ausübt, nimmt die hin; dass es sein Berater tun will, weniger. Nicht, dass da einer explodiert, ein Abgeordneter oder ein anderer ... Sowas findet im Sommer immer Widerhall.

Merkel hat ihre Chance. Ob Laurenz Meyer bleibt oder nicht, das ist nicht mehr so wichtig, ihr nicht mehr so wichtig. Also wird er über den Sommer hinaus bleiben, und die CDU wird ihn wählen. Sie wird sich ohnehin mit Inhalten beschäftigen müssen. Und Substanz wird entscheiden. Darin liegt Schröders Risiko und Chance: Noch kann er reformieren. Jobs, Jobs, Jobs, und immer an die Wirtschaft denken. Wenn der Kanzler das nicht tut, dann wird er nach den Ferien in ein Loch fallen.

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