Regierungskrise in Italien : Matteo Renzi: „Mein Parteichef hat ein kleines Problem“

Jetzt geht nichts mehr vorwärts in Italien. Aus Matteo Renzis Sicht kann nur er daran etwas ändern. Ein Porträt.

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Da ist einer mächtig ungeduldig. 38 Jahre ist Matteo Renzi jung, seit 2009 ist er Bürgermeister von Florenz, aber er strebt nach Höherem. Renzi will seine Partei, die italienische Sozialdemokratie, aufmischen: 2010 hatte er die nationale Bühne mit dem Schlachtruf betreten, es sei „höchste Zeit, sich von den alten Parteiführern zu befreien, eine ganze Generation von denen zu verschrotten“. Doch dann, im Dezember vorigen Jahres, verlor Renzi die internen Vorwahlen just gegen den obersten Apparatschik. So kam es, dass nicht er, sondern Pier Luigi Bersani als Spitzenkandidat des „Partito Democratico“ im Februar zur Parlamentswahl antrat. Einen politisch brauchbaren Sieg errang aber auch der 61-Jährige nicht.

Vielleicht wäre die Wahl mit Renzi anders ausgegangen: Gegen ihn, den energischen Jungen, wäre Silvio Berlusconi wohl nicht mehr angetreten. Der unideologische, mitreißende, zupackende Renzi hätte auch im rechten Lager viele Stimmen geangelt. Aber so ...

Jetzt geht nichts mehr vorwärts in Italien. „Wir verlieren nur Zeit“, drängt Renzi, und auch wenn er Bersani jeden zweiten Tag seine Loyalität zusichert, so tobt doch hinter den Kulissen ein erbitterter Kampf zwischen den beiden Protagonisten der Partei. Bersani will unbedingt Chef einer „Regierung des Wechsels“ werden, bekommt diese aber wegen des parlamentarischen Patts nicht zustande; Renzi und seine „Jungtürken“ streben Neuwahlen an. Allenfalls ertrügen sie ein „Arbeitsabkommen“ mit Berlusconi, um die dringlichsten Reformen durchzusetzen, und dann, spätestens in neun Monaten, soll es heißen: Renzi an die Macht.

Groß geworden ist Matteo Renzi bei den Pfadfindern. Jura hat er studiert und in der Werbefirma seines Vaters gearbeitet. Aber schon mit 29 Jahren wurde er Provinzpräsident in Florenz, danach der zeitweise beliebteste Bürgermeister Italiens. Für die Vorwahlen hatte Renzi im Wohnmobil das ganze Land bereist und einen bürgernahen Wahlkampf geführt, wie es sonst nur Beppe Grillo tat, aber keiner der etablierten Parteifürsten.

Den Wunsch der Italiener nach einem politischen Wandel hat Renzi früh erfasst; sein Signal aber ist im eigenen Lager nicht angekommen. Auch deshalb sind die „Grillini“ als Inkarnation einer noch radikaleren Parteienverdrossenheit so stark geworden. Gegen diese Totalverweigerer versucht Renzi jetzt von der Politik zu retten, was noch zu retten ist. Er fürchtet nur, die Zeit könnte ihm davonlaufen.Paul Kreiner

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