Meinung : Regierungsviertel mit Imbissbude

„Regierungsviertel soll kieziger werden“ vom 20. Mai

Das Regierungsviertel soll repräsentativ sein und deswegen ist jeder Vergleich mit einem Kiez Unsinn. Ich wohne im Regierungsviertel und bin auch ab und zu von Hunger und Durst geplagt. Allerdings ist es mir bis jetzt immer gelungen, im Regierungsviertel ohne viel Mühe etwas Ess- oder Trinkbares aufzutreiben. Auch einen verhungerten oder verdursteten Touristen habe ich bis jetzt nicht zu Gesicht bekommen. Im Hauptbahnhof kann der in Ihrem Bericht erwähnte junge Mann an jeder Ecke von frühmorgens bis um 24 Uhr eine Flasche Cola (und noch vieles mehr) kaufen, es gibt drei Biergärten (Zollpackhof, Tipi, Haus der Kulturen) sowie mehrere Restaurants (u.a. im Hauptbahnhof, im Haus der Kulturen, im Zollpackhof und in der Joachim-Karnatz-Allee) und Imbisse (Hauptbahnhof!) im Regierungsviertel, sogar neben dem Reichstag gibt es einen Tourist-

Pavillon mit Imbiss und Souvenirs. An Sommertagen herrscht am Ufer der Spree fast eine südländische Atmosphäre. Muss denn dann auch noch vor dem Bundeskanzleramt eine Currywurstbude und auf der Wiese vor dem Reichstag ein Colastand stehen?

Horst Tränker, Berlin-Moabit

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes Steinschlag, dem man begegnet oder der einem droht, wenn man heute am ehemaligen Lessing-Theater an der Unterbaumbrücke steht – erschlagend; ich habe 2004 für Frau Ismayr am Bundespressestrand gekocht und in Erinnerung, wie sehr Journalisten, Berliner und Besucher und auch alle Politiker es genossen haben, sich an diesem Streifen unterhalb der Kita frei von allen Lifestyle-Zwängen zu treffen; selbst die Wasserschutzpolizei hielt manchmal im strömenden Regen an, um sich schnell mit einem warmen Tagesgericht zu versorgen; dieser Teil Berlins, dem Flaneur Gelegenheit gebend, sich mit den Veränderungen vertraut zu machen, verschwindet leider völlig aus der Wahrnehmung gerade dort in der Mitte.

Thomas Koch, La Cabane du Pêcheur, Bistrot am Hafen, Berlin-Mitte

Nicht nur der Bund, sondern auch Berlin und die Privatinvestoren planen für das Areal zwischen Hauptbahnhof und Bundesbauten mehr verschlossene Gebäude als urbanes Leben. Das Kapelle- Ufer soll neben dem neuen Bildungsministerium auch am Humboldthafen von verschlossenen Bürofassaden begleitet werden. Die Hotelbauten im Südosten des Hauptbahnhofs werden auch nicht vor urbaner Kommunikation strotzen. Zum Latte darf man später einmal herabsteigen an den Humboldthafen. Die Bahnhofsvorplätze sind dysfunktional geplant. Da kann sich der Lebenswille von Bürgern und Besuchern nur mit wild abgestellten Fahrrädern, zertrampeltem Rasen im Spreebogen und Lümmeln auf den Liegestühlen am Spreeufer durchsetzen. Es ist an der Zeit, diese Pläne neu zu durchdenken.

Franziska Eichstädt-Bohlig,

Berlin-Charlottenburg

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