Meinung : Reicht eine Überprüfung der Atomkraftwerke aus?

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"'Niemand kann einfach so weitermachen'

vom 13. März 11

Sehr geehrte Redaktion!

Winfried Kretschmann hat Recht mit seiner Philosophie, auch wenn das tragische Unglück in Japan seiner Partei ideologisch in die Karten spielt. Denn größere Naturunglücke lassen sich ebenso für Deutschland nicht ausschließen, weshalb man zumindest die Restlaufzeiten für Atomkraftwerke wie Neckarwestheim, die sich ebenfalls in einer potentiellen Erdbebenregion befinden, nicht verlängern sollte. Schließlich trägt die Politik auch eine Verantwortung gegenüber der Bevölkerung, der sie – unabhängig davon, ob es ihr bei einem wichtigen Thema ins persönliche Kalkül passt – nachkommen muss. Weshalb die Beschwichtung von Angela Merkel, alle deutschen Atomkraftwerke zu überprüfen, absolut nicht ausreichend ist und sich die Bundeskanzlerin die Kritik gefallen lassen muss, den Ernst der Lage nicht zu erkennen!

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

Sehr geehrter Herr Helt,

die Kombination der Erdbeben-, Tsunami- und Atomkatastrophe in Japan ist von besonderer Tragik, gerade in der Kombination von Natur- und menschgemachtem Unheil. Zur Tragik der öffentlichen Wahrnehmung dieser Katastrophen hierzulande gehört aber auch, dass die Konsequenzen aus den aktuellen Vorgängen in Japan oft auf die Zusammenhänge zwischen Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall verengt werden. Die Lehren aus Fukushima gehen ja weit über die Fragen hinaus, ob entsprechende Ereignisse in Deutschland wegen des Ausbleibens von Tsunamis unmöglich vorkommen können oder ob sich das Vorkommen von Erdbeben als zentrales Bewertungskriterium für die Sicherheit von Kernkraftwerken verfestigt.

Beide Scheinargumente gehen am Kern der Lehren von Fukushima vorbei. Und dabei ist das Besondere dieser Katastrophe gar nichts grundsätzlich Neues: Es haben sich über verschiedene Störfallpfade Ausfälle überlagert und eine neue Problemqualität geschaffen. Wenn die Netzanbindung des Reaktors verloren geht und gleichzeitig die Notstromaggregate zur Kühlung des Reaktors ausfallen, dann sind dies Probleme, die möglicherweise jedes für sich beim Entwurf der Reaktoren berücksichtigt, in ihrer Kombination jedoch für so unwahrscheinlich gehalten wurden, dass sie in den Bereich des höchst unwahrscheinlichen und damit nicht mehr entscheidungsrelevanten Restrisikos verschoben wurden. Und der Katastrophenverlauf in Fukushima hat einer breiten Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass scheinbar hoch unwahrscheinliche Verkettungen von Problemen dann doch mit erschreckenden Folgen Wirklichkeit werden können. Der Störfall ist oft „kreativer“ als die Vorstellungskraft der Sicherheitsingenieure. Auch in einem Hightech-Land wie Japan mit hoher Regulierungsintensität und auch ohne menschliches Versagen beim Anlagenbetrieb. Und dies gilt natürlich nicht nur exklusiv für Tsunamis oder Erdbeben, sondern auch für Terroranschläge, Flugzeugabstürze und Angriffe aus dem Cyberraum, an nahezu jedem Punkt der Welt, auch hier in Deutschland.

Die Sicherheitsdebatte wird also auch auf dieser grundsätzlichen Ebene präzisier, grundsätzlicher und radikaler geführt werden müssen. Wenn die anstehende Sicherheitsbewertung ausschließlich bei technischen Details verbleibt, bleibt sie einäugig. Dessen ungeachtet ist die Frage der Kernenergie natürlich immer auch eine nach den Alternativen.Gerade in einer Welt, die sich ebenfalls aus Risikoüberlegungen einer radikalen Kohlenstoff-Diät unterziehen muss, wenn das Problem der menschengemachten Erwärmung auch nur halbwegs in Grenzen gehalten werden soll. Und die Realität der emissionsarmen Alternativen zur Kernenergie ist natürlich auch eine von unbequemen Herausforderungen. Eine vollständig auf Erneuerbaren beruhende Energieversorgung wird sehr heftig von neuen Infrastrukturen geprägt sein müssen. Wer schnell viele erneuerbare Energien nutzen will, wird sich auch mit Hochspannungsleitungen und Pumpspeicherkraftwerken anfreunden müssen.

Nicht jeder Eingriff in die Natur ist mehr nur Teil des Problems, sondern inzwischen an einigen Stellen auch Teil der Lösung. Auch hier wird man nicht einfach so weitermachen können wie bisher. Weil die vollständige Energieversorgung aus erneuerbaren Energien ohne Alternative ist, wenn man Nuklearkatastrophen wie in Fukushima und Naturkatastrophen als Folge des menschgemachten Klimawandels wirklich ausschließen will.

Mit freundlichen

Grüßen

Ihr

— Dr. Felix Christian Matthes,

Forschungskoordinator

Energie- u. Klimapolitik,

Öko-Institut e.V., Büro Berlin

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