Meinung : Rein, raus, rein, raus

Die US-Optionen im Irak sind begrenzt: Ein rascher Truppenabzug wäre fatal

Clemens Wergin

Kaum etwas ruft so viel Abneigung in der arabisch-sunnitischen Welt hervor wie die amerikanische Truppenpräsenz im Irak. Nur eines wollen zumindest die sunnitischen Regierungen noch viel weniger: keine US-Truppen im Irak, zumindest dann, wenn der Abzug so schnell kommt, dass das Land von proiranischen Milizen übernommen wird.

Was in diesem Fall passieren würde, hat der saudische Regierungsberater Nawaf Obaid soeben in der „Washington Post“ ausgemalt: Saudi-Arabien steigt massiv aufseiten der Sunniten in den Bürgerkrieg ein und stattet sunnitische Offiziere Saddams mit Waffen, Geld und logistischer Unterstützung aus. Riad könnte sogar so weit gehen, sunnitische Brigaden zusammenzustellen, die gegen schiitische Milizen kämpfen – an vorderster Front die von Iran und Hisbollah unterstützte und trainierte Mehdi-Armee von Muktada al Sadr.

Wer also glaubt, es könne im Irak gar nicht schlimmer kommen, sei durch Obaid gewarnt: „Sicher, ein saudisches Engagement im Irak würde große Risiken mit sich bringen – es könnte etwa einen regionalen Krieg auslösen. So sei es: Die Konsequenzen eines Nichteingreifens wären weit schlechter.“

Kaum eine Kommission wurde je mit solchen Erwartungen befrachtet wie die Iraq Study Group von Ex-Außenminister James Baker. Doch die kann weder ein Kaninchen aus dem Hut ziehen noch gar zum schnellen Rückzug blasen – weil man ein Desaster nicht dadurch auflöst, dass man ein noch größeres Desaster anrichtet. Will heißen: Dableiben ist schlecht, zu früh gehen könnte noch schlechter sein. Zumal den Amerikanern die Vietnamoption verwehrt ist. Zwar ging es in Südostasien in den 60ern um einen wichtigen Stellvertreterkonflikt im Kalten Krieg, tatsächlich hatte Vietnam aber weder strategische Ressourcen, noch lag es in einer Schlüsselregion. Irak hingegen verfügt nicht nur selbst über den wichtigsten strategischen Rohstoff, den die Welt kennt, sondern ein Übergreifen des Irakkonflikts auf die Nachbarländer würde die Tankstelle des Globus, die gesamte Golfregion, destabilisieren.

Letztlich kann George W. Bush nicht vom Freund seines Vaters, von James Baker, gerettet werden, sondern nur durch Premierminister Nuri al Maliki und eine irakische Regierung, die den Ausgleich zwischen den Volksgruppen sucht und selbst für Sicherheit im Land sorgt. Aber auch hier befinden sich die USA in einem Dilemma: Man will die Aufständischen und diejenigen, die sich schon auf den Bürgerkrieg vorbereiten, nicht mit einem festen Abzugstermin ermutigen. Gleichzeitig ist al Maliki offenbar noch nicht deutlich genug gesagt worden, dass Irak endlich auf eigenen Beinen stehen und sowohl die Milizen effektiver bekämpfen als auch Armee und Polizei in einen funktionsfähigen Zustand versetzen muss.

Iraks Premierminister handelt weiter so, als hätte seine Regierung, während die Signale auf Bürgerkrieg stehen, alle Zeit der Welt. Dieser Regierung klarzumachen, dass Amerikas Geduld endlich ist, ohne so den Bürgerkrieg anzufachen, gleicht einem fast unmöglichen Balanceakt.

Auch die viel diskutierte Einbindung Irans und Syriens wird wenig bringen. Teheran ist im Irak schon lange über die Politik der Nadelstiche gegen die USA hinaus. Nun sehen die Mullahs die Chance, die Kräfteverhältnisse in der Region dauerhaft zu verschieben und Iran zur dominanten Macht zwischen Istanbul und Kabul zu machen. Zudem könnte man Damaskus und Teheran nur zur Kooperation bewegen, indem man ihnen ein unmoralisches Angebot macht. Das hieße, Syrien die Herrschaft über Libanon zuzugestehen – und Iran die Atombombe. Auch das fällt in die Rubrik: ein Desaster mit einem noch größeren Desaster bekämpfen.

Weil die Lage so verfahren ist, wird auch James Baker den gordischen Knoten nicht zerschlagen können. Den Amerikanern bleibt nicht viel mehr, als auf eine sanftere Bruchlandung hinzuarbeiten.

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