Meinung : Reise nach Pakistan

Das Treffen zwischen Vajpayee und Musharraf ist ein Erfolg – doch bei der Lösung der Kaschmirkrise müssen auch andere helfen

Ruth Ciesinger

Mehr als fünf Jahre ist es her, seit Indiens Premier Atal Behari Vajpayee nach Pakistan gereist ist. An diesem Wochenende jedoch kam er wieder nach Islamabad. Dazwischen sind Tausende Menschen dem Kamschmirkonflikt zum Opfer gefallen, im Frühjahr vor zwei Jahren standen die Nachbarländer knapp vor einem Atomkrieg. Schon deshalb ist das Treffen zwischen dem Inder und Pakistans Regierungschef Mir Zafarullah Khan Jamali ein wichtiges Signal. Es zeigt, beiden Staaten ist es ernst mit der Annäherung in der Kaschmirkrise, deren erste Ergebnisse ein Waffenstillstand an der „Line of Control“ im Kaschmirtal sowie eine grenzüberschreitende Busverbindung sind.

Doch obwohl sich am Montag sogar Pakistans Präsident Pervez Musharraf mit Vajpayee zum Gespräch zurückziehen will, dürfen sich an dieses Treffen keine zu hohen Erwartungen knüpfen. Beide Staaten werden sich nur mit kleinen Schritten entgegenkommen. Vajpayee wird als Chef einer stabilen Großmacht allerdings etwas gelassener handeln können; der Unsicherheitsfaktor heißt Pakistan.

Pakistanische Truppen waren vor über 50 Jahren in das unabhängige, mehrheitlich von Muslimen bevölkerte Fürstentum Jammu und Kaschmir eingefallen. Nachdem die indische Armee die Invasoren zurückgedrängt hatte, gehörte die Provinz zu Indien. Seitdem liegt Pakistan mit dem Nachbarland im Clinch, muslimische Separatisten kämpfen für den Anschluss an die islamische Republik Pakistan oder die Unabhängigkeit. Zwar hat Präsident Musharraf den Islamisten – auch auf Druck der USA – offiziell die Unterstützung entzogen. Er fordert auch keine endgültige Lösung des Kaschmirkonflikts mehr als Voraussetzung für bessere Beziehungen zu Indien. Die Frage ist, ob er sich innenpolitisch durchsetzen kann.

Denn die Extremisten in Pakistan machen Musharraf ernsthafte Schwierigkeiten. Erst im vergangenen Monat verübten sie auf ihn zwei Attentate. Das Grenzgebiet zu Afghanistan beherrschen muslimische Clans und Stammesführer, die Zentralmacht hat dort fast keinen Einfluss. Musharraf kann zu einem gewissen Grad nur mit den Islamisten kooperieren. Darüber muss sich die internationale Gemeinschaft im Klaren sein, wenn sie im Kaschmirkonflikt vermitteln will.

Allen voran sind das die USA. Washington und Islamabad waren sich seit Beginn des Kalten Krieges eng verbunden. Pakistan galt als „Frontstaat“ gegen den Kommunismus und wurde entsprechend unterstützt – so hat Amerika maßgeblich zur militärischen Aufrüstung des Landes beigetragen. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts kühlte diese Beziehung ab, doch seit Pakistan nach dem 11. September 2001 mit an vorderster Front gegen den internationalen Terrorismus kämpft, ist sie wieder wärmer geworden. Ohne die Unterstützung Pakistans hätte Washington nicht den Krieg gegen die Taliban in Afghanistan führen können. Und jetzt ist den Vereinigten Staaten daran gelegen, den Kaschmirkonflikt zu beruhigen – die Krisenherde Nahost und Nordkorea beanspruchen genügend Aufmerksamkeit. Dazu ist aber nicht nur Druck auf Präsident Musharraf notwendig. Die Demokratisierung in Pakistan muss unterstützt und die Lebensbedingungen in Kaschmir verbessert werden, damit so den Extremisten der Zulauf ausgetrocknet wird.

Was die Islamisten betrifft, ist auch die Lage im Nachbarland Afghanistan entscheidend. Entwickelt sich dort ein stabiles politisches System, in dem Terrorgruppen nicht nach Belieben ihr Unwesen treiben können, wirkt sich das auch auf die Extremisten im Grenzgebiet zu Pakistan aus. So gesehen trägt also auch der deutsche Bundeswehr-Einsatz zu einer Lösung des Kaschmirkonflikts bei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben