Meinung : Reise ohne Ziel

Berlins Jüdische Gemeinde streitet mal wieder. Warum auch nicht?

Claudia Keller

Man sei eine Patchworkfamilie. So beschreibt die Leiterin des Integrationsbüros ihre jüdische Gemeinde, die Jüdische Gemeinde zu Berlin. Die Familienmitglieder hätten einen unterschiedlichen Hintergrund, trotzdem gehöre man „irgendwie“ zusammen. In einer solchen Familie lasse sich Streit nicht vermeiden, und wenn Juden streiten, sagt die Integrationsbeauftragte, dann eben heftig.

Dem mag man nicht zustimmen. Aber wer die Auseinandersetzungen in der Berliner Gemeinde beobachtet, kann durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass sie Recht hat. Wer im Archiv blättert, dem fällt auf, dass auch unter den Vorsitzenden Alexander Brenner, Andreas Nachama und Jerzy Kanal bisweilen unschöne Worte gefallen sind. Und bereits in den 20er Jahren wurden heftige Attacken geritten. Allerdings werden die Streitereien jetzt lauter und öffentlicher ausgetragen. Alle Beteiligten, auf welcher Seite auch immer, beteuern zwar, wie schrecklich das alles sei und wie groß der Imageschaden, sie mischen aber weiter mit.

Die Angst, dass einem Schlimmes zustoße, wenn man als Jude auffalle, die Heinz Galinski prägte und die älteren Gemeindemitglieder bis heute umtreibt, scheint für die Jüngeren und die russischen Zuwanderer nicht mehr im Vordergrund zu stehen. Viele, die in Russland ihre jüdische Identität verbergen mussten aus Angst vor Benachteiligung, wollen in Deutschland endlich ihre Meinung sagen dürfen, in aller Öffentlichkeit und so laut, wie es ihnen passt. Die Sorge, Neonazis Vorwände zu liefern, weicht. Das ist großartig. Denn es ist ein Zeichen von Normalität, ein Zeichen dafür, dass der Schmerz und die Angst, die aus der Erfahrung des Holocaust und des Krieges resultierten, nicht mehr allein prägend sind.

Aber was kommt nach der Angst? Freude? Die ist nicht zu erkennen dieser Tage. Eher ist es Ratlosigkeit. So richtig scheint keiner eine Vorstellung davon zu haben, wohin es gehen soll. Denn dazu müsste man wissen, wer man ist. Wenn es stimmt, dass die Klammer der Holocaust- und Kriegserfahrung die schon immer heterogene Gemeinschaft nicht mehr zusammenhält, dann stellt sich die Frage nach der Identität neu.

Identität aber fällt nicht vom Himmel und ist auch nichts einmalig Festgezurrtes. Wer man ist, findet man wohl am besten im Gespräch mit anderen heraus, indem man sich austauscht darüber, wo man herkommt und was man sich wünscht. Welche Erfahrungen bringen die russischsprachigen Zuwanderer mit, die drei Viertel der Gemeinde stellen? Wie müsste eine Gemeinschaft aussehen, in der sie sich zu Hause fühlen? Und wie verträgt sich das mit den Vorstellungen derjenigen, die schon viele Jahre hier sind? All das sind Fragen, über die sich in den Parlamentssitzungen wunderbar debattieren ließe. Ein Blick über den Tellerrand lohnt ebenfalls: Was sagen die amerikanischen, englischen, israelischen Juden, die in der Stadt sind und sich vielleicht auch einbringen würden? Dieses lange, mühsame Gespräch in Gang zu bringen, wäre Aufgabe der neuen Gemeindeleitung. Dabei könnte sich herausstellen, dass man sogar stärker zusammengehört als nur „irgendwie“.

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