Religion : Allah ist größer

Schüler dürfen außerhalb des Unterrichts in Schulen beten - der Berliner Bildungssenator Zöllner muss jetzt sagen, wie die Lehrer sich verhalten sollen.

Jost Müller-Neuhof

W ar da was? Einem muslimischen Jungen muss das Beten außerhalb des Unterrichts in der Schule erlaubt sein, hat das Berliner Verwaltungsgericht vor rund zwei Wochen im Eilverfahren beschlossen; die Empörung war groß, von Politikern, Lehrern, Eltern, ebenso die Einigkeit: Das kann so nicht stehenbleiben.

Und jetzt? Die Senatsverwaltung kneift, Jürgen Zöllner lässt den Beschluss rechtskräftig werden. Der junge Muslim betet mit dem Segen des Staates weiter, und Dutzende, Hunderte, Tausende Muslime an Berliner Schulen könnten ihm es gleichtun: Pausenklingeln, Schuhe aus, Füße waschen, rein in die Turnhalle und dann Richtung Mekka, vielleicht findet sich noch ein Hausmeister, der den Muezzin macht – so in etwa sieht es aus, das abendländische Horrorszenario, das nicht nur Bildungspolitiker umtreibt.

Es zeigt, groß ist nicht nur die Empörung, groß sind auch die Ängste – am größten in der Schulverwaltung; vor betenden Muslimen, aber auch vor schäumenden Politikern, Lehrern, Eltern. Deshalb präsentiert Zöllner diese Position: Aus formalen Gründen fechten wir den Beschluss nicht an, in der Hauptsache aber kämpfen wir für das Gebetsverbot.

Diese Ansicht ist nicht nur juristisch falsch, sie ist auch politisch verhängnisvoll. Zöllner sollte den Rechtsstreit ganz aufgeben, und zwar nicht auf die leise Tour – das hat er ohnehin vor – sondern mit einer klaren Ansage. Lehrer und Schüler müssen wissen, woran sie sind, Muslime wie Nichtmuslime.

Rechtlich kann der Senator diesen Streit nur verlieren, er weiß das, deshalb hat er auf die Beschwerde verzichtet. Er wollte, was richtig war, eine weitere zeitnahe Entscheidung einer dann höheren Instanz gegen sich vermeiden. Schule ist, da hat er recht, natürlich ein neutraler Ort, aber Schüler sind keine neutralen Menschen und haben auch – anders als Lehrer – nicht neutral zu sein. Dass ein Schüler das Recht hat, auf dem Schulgelände zu beten, ist ebenso selbstverständlich wie das Recht einer Schülerin, ein Kopftuch zu tragen oder ein Kreuz. Spätestens das Bundesverfassungsgericht würde diese Erkenntnis herbeizwingen, mit Aufsehen wie beim Kruzifix.

Wollen wir das? Eher nicht. Eine andere Möglichkeit wäre, das Schulgesetz zu ändern und beten zu untersagen. Keine feine Idee und ebenfalls verfassungswidrig. Es führt also kein Weg daran vorbei, eine Linie zu verabreden, wie mit dem Thema umzugehen ist, und diese Schülern wie Eltern und vor allem Lehrern vorzustellen. Wenn Muslime sich integrieren sollen, müssen sie wissen, in was. Unklare und rechtlich fragwürdige Positionen, ein Durcheinander, keine gemeinsame Stimme, genau das ist es, was wir den Muslimen in Sachen Integration ankreiden – und machen es selbst nicht besser.

Ob es dann mit oder ohne Gebetsraum geht, ist Sache der Schulen, des Alltags, des Respekts und des Feingefühls. Aber keine Rechtsfrage. Und auch kein Skandal.

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