Religion : Die Wahrheit über unseren Benedikt

Die deutschen Klischees über den Papst sind üble Verzerrungen. Denn Joseph Ratzinger ist ein Mann der Versöhnung. Ein Kommentar von Martin Lohmann.

Martin Lohmann

Was haben wir da eigentlich in den vergangenen Wochen erlebt oder beobachtet? Was ist mit dem Papst los? Und warum hat ein völlig verwirrter Geistlicher einer traditionalistischen Splittergruppe, der mit einer dreisten Lüge von sich reden macht, einen so hohen Bekanntheitsgrad erreichen können? Warum ausgerechnet zum 80. Geburtstag des kleinen Vatikanstaates dieses große Desaster? Will der aus Deutschland stammende Papst die Kirche in vergangene Zeiten führen? Zurück ins Vorgestern? Hat sich Benedetto unmöglich gemacht?

Zunächst: Joseph Ratzinger war in Deutschland nie wirklich beliebt. Jedenfalls nicht in der veröffentlichten Meinung. Irgendwie war man froh, dass er weit weg in Rom gelandet war. Obwohl: Er hatte für viele zu viel Einfluss unter Johannes Paul II. Seine genaue Theologie, seine präzise Intellektualität und seine Fähigkeit, falsche Entwicklungen unabhängig von ihrer süßen Anziehungskraft zu erkennen und zu markieren, störten. Selbst seine letzte Predigt als Kardinal irritierte, als er vor der Diktatur des Relativismus warnte und der Wahrheit, die mittels der Vernunft erkennbar sei, eine neue Chance reklamierte.

Doch dann geschah – für manche – das Unfassbare: Ratzinger wurde Papst. Der Kardinal wurde zu Benedikt XVI. Und siehe da, nach einer deutschen Schrecksekunde waren auch die Deutschen gezwungen, endlich einmal unverkrampft auf diesen Mann zu schauen – um zu entdecken, wie er wirklich ist. Von wegen Panzerkardinal. Von wegen unnahbar. Von wegen nur verschlossen. Über Nacht wurden aus bisherigen Ratzinger-Gegnern einfühlsame Papstkenner. Urplötzlich war ein deutscher Star geboren. Die Nation jubelte mit, als eine große Schlagzeile ihnen das neue Credo ins Herz hämmerte: Wir sind Papst. Jetzt wünschen sich vermutlich viele von diesen am 19. April 2005 Neubekehrten und Subito-Erleuchteten die Feststellung: Wir waren Papst. Peinlich ist ihnen der Mann in Weiß, der so lange hilflos erschien in einer Zeit der Pannen. Von handwerklichen Fehlern des Papstes wird geredet, Theologen fordern den Rücktritt des Deutschen auf der Cathedra Petri, und die Welt scheint jetzt zu wissen, dass man sich die Informationswege im Vatikan, so sagt jemand, nicht ineffektiv genug vorstellen kann.

Der Vatikan – eine Burg der Intrigen und Weltfremdheit? Ein heiliger Ort voller Scheinheiligkeit? Der Papst als luzider Geist im dunklen Gestrüpp weltlicher Händel? Was lief da eigentlich derzeit für ein Film ab? Ist der Papst wirklich so weltfremd, wie es den Anschein hat? Hat ausgerechnet ein aus Deutschland kommender Brückenbauer Brücken abgerissen? Mancher rieb sich die Augen und traute seinen Ohren nicht, wenn er las und hörte, wie sehr die Erregung täglich neue Höhepunkte erreichte – oder auch suchte. Papst, Traditionalismus, Antisemitismus, vorkonziliar, Israel, Holocaust, Gaskammern – alles wurde und wird mancherorts immer noch in einen Topf der Empörung geworfen. Und mittendrin im Feuer des Sturmes ein offenbar hilfloser und verschüchterter Pontifex. Was war und ist da eigentlich los?

Es ist schon phänomenal, was sich da alles entlud über Benedikt XVI. Überall erschienen eher unvorteilhafte Fotos des bis gestern noch umjubelten Papstes, alte Geschichten und Schlagwörter wurden aus der Mottenkiste herausgeholt, und in Anlehnung an den einst so beschimpften Panzerkardinal wurde dem Petrusnachfolger das Schild Panzerpapst umgehängt. Man hatte fast den Eindruck, als gebe es einen Wettbewerb, wer wohl am schnellsten alte Giftbrühen auftauen kann, um sie – mit allen dumpfen Klischees aus Vergangenheit und Gegenwart angereichert – portionsweise nach Rom zu schleudern. Noch einmal: Alles wurde miteinander verrührt und geradezu böswillig zu einer üblen Brühe gemacht. Endlich hatte vor allem die deutsche Seele wieder ein handfestes Feindbild: eben diesen alten und nichts als rückwärtsgewandten Meister der Theologie im vatikanischen Elfenbeinturm. Reflexartig schnellten manche in Deutschland in jene wirren Klischees zurück, an denen sie sich bis zur Wahl von Benedikt festhielten, die sich aber alle als Seifenblasen erwiesen haben. Frei nach dem Motto: Wir hatten ja doch recht mit unserem Unrecht.

Dabei wäre es eine nicht allzu anspruchsvolle Leistung des Intellekts gewesen, wenigstens einmal zu versuchen, die Dinge auseinanderzuhalten. Da ist zunächst der Papst, der allen Vorurteilen über ihn zum Trotz ein Mann des Ausgleichs und der Versöhnung ist. Schon Ratzinger war ein vorsichtiger Mann. Ein bedächtiger, der nicht vorschnell entschied. Diesen Charakterzug hat er auf der Cathedra Petri keineswegs abgelegt. Wie auch? Er gehört ebenso zu seinem Wesen wie die Sehnsucht nach Frieden und Einheit.

Streit jenseits des auf der Wahrheitssuche befindlichen Intellektuellen mochte dieser fromme Mensch und gottesfürchtige Wissenschaftler noch nie. Dieser liebt vielmehr die Harmonie, das Schöne, das Gute, den Frieden. Er ist feinsinnig, sensibel, musisch begabt und aufmerksam. Und er lebt aus einem geradezu unerschöpflichen Gottvertrauen heraus. Wenn er über Jesus Christus redet, den er gerne den „Herrn“ nennt, dann meint er es exakt so. Trennung, Spaltung, und dann auch noch im Namen dessen, der für die volle Einheit und die allen angebotene Erlösung von Schuld und Tod steht, der also für die klare Begegnung mit Gott selbst garantiert und die Versöhnung mit dem Schöpfer aufzeigt – das ist diesem Gottesmann aus Bayern ein schmerzlicher Graus. Ratzinger konnte leiden. Der Papst kann es auch.

Er wird es wohl auch als wenig fair empfinden, wenn ihm heute ein Zurückfallen vor das Zweite Vatikanische Konzil unterstellt wird. Im Unterschied zu anderen, die mehr oder weniger (un)informiert über diese große Kirchenversammlung reden, und im Unterschied zu vielen, die in der Zeit nach dem Konzil meinten, den Geist des Konzils – was immer das ist – erkannt zu haben, kennt dieser Pontifex das Konzil sehr genau. Auch seinen Geist – was immer das ist. Des Papstes Bekenntnis zum Zweiten Vaticanum kann nicht ernsthaft und seriös bestritten werden. Nur: Er lässt sich kein X für ein U vormachen. Es war nämlich ein gewisser Joseph Ratzinger, der damals den Kölner Kardinal und Konzilsvater Josef Frings beriet. Es war Ratzinger, der diesem Kardinal im Vorfeld des Konzils eine Rede schrieb, von der der Konzilspapst Johannes XXIII. lobend meinte, sie drücke genau aus, was er mit dem Konzil wolle. Benedikt XVI. ist der letzte wirkliche Konzilspapst, weil er als Joseph Ratzinger eben dieses Konzil mit vorbereitete und wesentlich mitprägen konnte. Aber er kann auch Fehlentwicklungen ausmachen. Muss man ihm das übelnehmen, ihm dafür böse sein?

Benedikt war und ist ein Freund des Judentums, ein entschiedener Gegner jeder Form von Antisemitismus und ein Mann des Mutes. Es war und ist absurd, unfair und böswillig, ihn auch nur ansatzweise mit den verderblichen und menschenverachtenden Aussagen eines höchst verwirrten und verirrten Bischofs in Verbindung zu bringen. Denn dieser hat den katholischen Geist wahrlich nicht verstanden. Die großzügige Geste des Papstes, mit der er den verirrten Traditionalisten einen Weg zurück in die Weltkirche bahnen wollte, hat er vielmehr auf das Übelste und höchst primitiv beantwortet. Er hat, wenn er störrisch bleibt, nichts in der katholischen Kirche zu suchen.

Es ist schon erstaunlich, dass nach wie vor fälschlicherweise in vielen Medien behauptet wird, der Papst habe die vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft wieder in die Kirche aufgenommen. Denn diese Behauptung ist und bleibt falsch, sie wird auch durch ständige Wiederholung nicht zur Wahrheit. Bemerkenswert, mit welcher selbstbewussten Ungenauigkeit über so wichtige kirchliche Angelegenheiten berichtet und voneinander abgeschrieben wird! In der Sportberichterstattung gäbe es einen Aufschrei und vermutlich personelle Konsequenzen, würde jemand behaupten, ein Elfmeter gehöre zum Skislalom.

Die abtrünnigen und unerlaubt, aber nach katholischem Sakramentenverständnis gültig geweihten Bischöfe sind keineswegs wieder Mitglieder der römisch-katholischen Kirche. Aber: Sie hatten den Papst gebeten, eventuell wieder zurückzukehren – wenn, ja wenn dieser die vor vielen Jahren aus katholischer Sicht gleichsam automatisch notwendig gewordene Exkommunikation aufhebe. Sollte der Papst da letztlich Nein sagen? Ist er nicht geradezu verpflichtet, verirrten Schafen den Weg zur Rückkehr zu zeigen und zu ermöglichen? Hatte nicht auch Christus Großherzigkeit gezeigt, als ihm die Pharisäer eine Ehebrecherin vorführten, die nach damaligem Recht hätte gesteinigt werden dürfen? Hatte der Gottessohn, der für seinen Stellvertreter auf Erden Maßstab sein muss, nicht ostentativ im Sand gemalt angesichts der Rechthaber, die sich alle dann aus dem Staub machten? Hatte er nicht die Sünden vergeben und zur Ehebrecherin gesagt: Gehe hin und sündige nicht mehr! Soll der Papst, dessen vornehmste Aufgabe der Dienst an der Einheit ist, also herzlos und unbarmherzig sein? Soll der gute Hirt dem verlorenen Schaf die Rückkehr zur Herde verweigern? Und: Kann er, auch wenn er Papst ist, hinter die Stirn seines Gegenübers schauen?

Was also die Rücknahme der Exkommunikation betrifft, bleibt wahr: Dies ist der erste und ein großherziger Schritt, um den Abtrünnigen die Rückkehr zu ermöglichen. Und diese ist nur möglich mit dem Bekenntnis zum Konzil und mit der Absage an jeden Antisemitismus! Diese souveräne Klarheit gehört zur corporate identity des Katholischen. Richtig bleibt auch, dass die von der Exkommunikation Befreiten nach wie vor suspendiert sind, also nicht als Bischöfe arbeiten dürfen. Jedenfalls nicht im Namen der römisch-katholischen Kirche in der Einheit mit dem Papst. Auch wenn der Weg zur Rücknahme der Exkommunikation lang und mühsam war, so war er doch ernsthaft von Rom aus vorbereitet. Ob es zur vollen Rückkehr der Kirchenrebellen kommen wird, scheint derzeit mehr als fraglich.

Dennoch: Es war und ist stets der Papst, bei dem sich alle berechtigte und unberechtigte Kritik bündelt. Manche seiner Leute haben ihn falsch informiert, haben unglücklich und töricht gehandelt. Und manche „seiner“ Leute scheinen hernach auch noch auf seine Kosten ihr eigenes Süppchen gekocht zu haben. Das trifft selbstverständlich auch Benedikt. Es war gut und richtig, dass der Vatikan sehr deutlich den Holocaust-Lügner aufforderte, eindeutig zu widerrufen. Es ist gut und richtig, dass ganz deutlich an die Adresse der Ex-Exkommunizierten gesagt wurde, ohne eine Einheit mit dem Papst und der Lehre der Kirche, wozu auch das Zweite Vatikanische Konzil gehört, könne es eben keine wirkliche Einheit geben. Böse Aussagen wie die des Herrn Williamson sind aus katholischer Sicht wahrlich „inakzeptabel“. Unnötig und populistisch sowie dem Amt des deutschen Kanzlers unwürdig waren vermeintlich kluge und belehrende Worte einer Regierungschefin, die besser klug und anständig geschwiegen hätte.

Dem klugen und mutigen wie sensiblen Papst, dem offenbar ein modernes kommunikatives und ehrliches Frühwarnsystem nicht immer gegönnt zu werden scheint, bleibt zu wünschen, dass manche seiner Leute ihn nicht bald schon wieder irgendwo so sträflich reinreiten, wie es jetzt zu seinen Lasten und auf Kosten seiner Glaubwürdigkeit gemacht oder zugelassen wurde. Diese sind mitverantwortlich, wenn Fairness und sachgerechtes Verständnis auf der Strecke bleibe. Denn Benedikt will vor allem Klarheit in Wahrheit. Dieser Papst will die Einheit. Er will klären und versöhnen. Darin unterscheiden sich, wie man sieht, viele andere von ihm. Leider. Die so lange in Deutschland bedienten und gepflegten Klischees über Ratzinger-Benedikt bleiben auch künftig nichts als üble Verzerrungen. Aber eines wissen wir jetzt: Der typisch deutsche antirömische Affekt lebt. Wir waren Papst. Und: Es gibt eine neue deutsche Lust an alten Zerrbildern. Schade. Der große Theologe, Ratzinger-Kollege und ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der frühere Kölner Kardinal Joseph Höffner, würde vermutlich heute für Gerechtigkeit gegenüber dem Heiligen Vater plädieren und ausrufen: Nur Mut!

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