Meinung : Renovierungsbedürftiges Europa Merkel soll richten, was so nicht zu richten ist

Alexander Gauland

Mut hat Frau Merkel. Da streitet die große Koalition über die weitere Behandlung der Türkei, mühen sich die bisherigen 25 verzweifelt ein wenig Freude über die nun erfolgte Aufnahme Bulgariens und Rumäniens zu verbreiten und führen Polen wie Zypern vor, dass ein Mitglied, sei es nun groß oder klein, die europäische Handlungsfähigkeit gegen null tendieren lassen kann. Doch die Bundeskanzlerin will den Verfassungsprozess neu beleben, was nur heißen kann, die Menschen in den Ländern, in denen das möglich ist, so lange abstimmen zu lassen, bis aus der Ablehnung Zustimmung geworden ist.

Abgesehen davon, dass es keinen Erfolg verspricht, zäumt es auch das europäische Pferd vom Schwanz auf. Denn Franzosen und Holländer haben nur stellvertretend für viele Nein gesagt, die längst nicht mehr wissen, was Europa ist oder künftig sein soll. Die Engländer wollen eine Freihandelszone, soweit das Auge reicht, die Franzosen ein handlungsfähiges Europa, notfalls auch gegen Amerika, und die Polen ein möglichst starkes Polen, gestützt auf die USA, dem die anderen Europäer helfen, die Ukrainer rein zu holen und die Russen draußen, also möglichst weit weg von Polen, zu halten. Und während das alte Kernland der Habsburger Monarchie, Kroatien, noch immer keine Beitrittsperspektive hat, wird über die Ukraine und Georgien spekuliert, nicht um Europa zu stärken, sondern um Russland zu schwächen.

Nicht diejenigen irren, die die Verfassung für ein solches Gebilde verworfen haben, sondern diejenigen, die glauben, 25 oder mehr unterschiedliche Zielvorstellungen mit einer Verfassung sinnvoll überwölben zu können.

Europa hat sich aus einem abendländischen Gedanken in eine technokratische Wirtschaftsgemeinschaft verwandelt, der auch Japan oder mit etwas mehr Recht Israel, Ägypten oder Marokko angehören können. Und da die europäischen Völker das Gefühl nicht loswerden, bei nächster passender strategischer Gelegenheit auch mit diesen Beitrittskandidaten konfrontiert zu werden, reagieren sie störrisch auf jeden Neuzugang.

Wer sinnlich erfahren will, weshalb ein solches Europa bürokratischer Überbau ohne historische und kulturelle Wurzeln ist, musste nur an den Weihnachtstagen durch das europäische Quartier in Brüssel spazieren. Gesichtslose Glaskästen haben ein traditionelles Kleine-Leute-Viertel verdrängt, und wo seine Metastasen mit alter Bausubstanz zusammenstoßen, zerfällt das historisch Gewachsene, ohne dass das Neue ästhetisch gewinnt. Wo in Rom, Berlin, Paris und London lebendige Fülle herrscht, verbreitet Europa in Brüssel Leere und Verfall.

Wenn ein Regierungsviertel historischer wie kultureller Ausweis für die Lebendigkeit einer Nation ist, so ist das bürokratische Europa tot, noch ehe es zu leben begonnen hat. Die deutsche Ratspräsidentschaft wird daran nichts ändern, es ist nicht Frau Merkels Schuld. Der Bau ist von Grund auf renovierungsbedürftig, doch über das Wie streiten seine Bewohner noch.

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