Meinung : Respekt gesucht

Michael Rosentritt über die Ursachen für Ballacks Kritik

Michael Rosentritt

Ein Bundestrainer entscheidet nach sportlichen Kriterien. Dazu ist Joachim Löw berufen. Seit längerem drängen jüngere Spieler in den Kader der Fußball-Nationalmannschaft: Leute wie Hitzlsperger, Helmes, Rolfes oder, ja, Marko Marin. Sie müssen sich mit guten Leistungen in den festen Stamm spielen dürfen. Diese sportlichen Kriterien zu berücksichtigen, das hat mit Respekt zu tun – gegenüber den jüngeren Spielern.

Respekt fordert nun aber Michael Ballack ein. Für sich und auch für viele verdiente Nationalspieler. Für den schmollenden Frings, der gegen Russland zu Recht nur auf der Bank saß, gegen die schwächeren Waliser aber nicht mal eingewechselt wurde (was Löw unterlassen hat). Für den weggelaufenen Kuranyi, der sich plötzlich in der Vorwärtsbewegung ganz hinten sah. Sogar für den fast vergessenen Oliver Kahn setzt sich Ballack vehement ein, als gelte es, alte Werte zu verteidigen gegen die sportliche Führung, die sich nach einem verlorenen EM-Finale wie ein Titelträger feiern lässt. In deutlichen Worten weist der Kapitän den Bundestrainer zurecht, als habe dieser nur eine eingeschränkte Kompetenz. Löw reagiert darauf sehr heftig, denn das kann er sich nicht bieten lassen.

Löw muss es freistehen, sportliche Impulse zu setzen, gerade nach einer erfolgreichen, aber spielerisch eher wackligen Europameisterschaft, gerade inmitten einer schweren WM-Qualifikation. Nun kommt Bewegung in die Mannschaft – und altgediente Spieler, die bei der EM auch bei durchschnittlichen Leistungen als unantastbar galten, bekommen Angst um ihren Status. Wer hätte gedacht, dass der so starke Ballack zu denen gehört?

Fragen stellen aber muss sich auch Joachim Löw. Vor allen die: Warum musste es so weit kommen? Offensichtlich ist, dass Löw bei der EM mit alten Kräften wie Lehmann, Metzelder und Frings eine unglaubliche Geduld zeigte. Nun, bei der nachholenden Modernisierung, droht er den Bogen zu überspannen. Ein Signal an die älteren Spieler fehlt: Ich nehme euch mit auf dem neuen Weg. Und Ballack fehlt noch etwas: die Wertschätzung seiner Arbeit – als wichtigster Nationalspieler, als bester Profi seiner Generation, zuweilen auch als unverzichtbarer Ratgeber von Löw. Einer wie Ballack verdient dafür etwas Dankbarkeit. Die ist ihm nicht entgegengebracht worden, jedenfalls nicht öffentlich. Als er wochenlang mit Teammanager Oliver Bierhoff über die Eventisierung des Spielbetriebs stritt und zudem Zweifel an seiner Stellung im Team lanciert wurden, sprang ihm Löw nicht zur Seite. An der Stellung von Ballack wurde gekratzt – Löw hat das geschehen lassen. Und hat es der Kapitän intern nicht auch immer schwerer gehabt, sich durchzusetzen? Dies ist die Wunde, die bei Ballack schon seit langem offen ist – wie zu vermuten steht, schon seit der Machtübernahme durch das Trio Klinsmann/Löw/Bierhoff. Nun hat er sie öffentlich freigelegt.

Michael Ballack wirkt nicht mehr unverwundbar. Aber auch menschlicher.

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