Rheinland-Pfalz : Malu Dreyers Schwäche ist ihre Stärke

Dass man trotz einer Behinderung Politik machen kann, ist bekannt. Doch die an MS erkrankte Malu Dreyer sollte als Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz ihre Grenzen kennen und Politik nicht als Dauerperformance verstehen.

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Macht trotz ihrer Behinderung Politik: Malu Dreyer.
Macht trotz ihrer Behinderung Politik: Malu Dreyer.Foto: dpa

Es geht, das ist seit langem bewiesen: Politik kann man auch mit einer Behinderung machen. Große, schwere, körperlich und geistig äußerst anstrengende Politik kann man auch machen, wenn man körperlich schwerbehindert und auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Wolfgang Schäuble zeigt es, jeden Tag. Bis zu diesem Mittwoch war der Bundesfinanzminister eine einsame Ausnahme. Das ist vorbei. Malu Dreyer, die neue Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, leidet an einer schweren, sie behindernden Krankheit, an Multipler Sklerose. Dreyer ist zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen. Ihre offenbar ohnehin ausgeprägte Disziplin hilft ihr, lange Arbeitstage noch etwas früher zu beginnen, damit die notwendige Physiotherapie nicht zu kurz kommt.

„Inklusion“, die Teilhabe behinderter und kranker Menschen am gesellschaftlichen Leben, ist ein Langstreckenthema der deutschen Politik. In der Schul- und Bildungspolitik verursacht es Unruhe, weil – wie in Deutschland üblich – politische Ziele beschlossen werden, ohne die Schulen personell entsprechend auszustatten. Immerhin, Kinder lernen, dass es manche Kinder mit dem Leben und Lernen schwerer haben als andere – und dass diese Kinder trotzdem mit dabei sind.

Verständnis, Rücksichtnahme, Gleichberechtigung: Was Inklusion unter Kindern und im normalen Leben erreichen will, gilt in der großen Politik jedenfalls nicht als Ziel. Wer behindert ist, braucht noch mehr Disziplin, noch mehr Härte im Umgang mit den eigenen Bedürfnissen als die nicht behinderten Kollegen Berufspolitiker; auch das sieht man an Wolfgang Schäuble.

Gewiss gab es vor ihm schon andere, die vorgemacht haben, dass eine Behinderung keine Schwäche sein muss. Der amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt hat vom Rollstuhl aus einen Weltkrieg geführt und gewonnen. Und noch ein paar Jahre vor Roosevelt hat ein gewisser Wilhelm II. ein Spezialbeispiel deutscher Härte vorexerziert (und unerbittlich einen Krieg verloren). Wie Härte gegen eine Behinderung wirkt, hatte Wilhelm als Kind mit einem verkrüppelten Arm gelernt. Er wurde trotz seiner Balanceprobleme so lange aufs Pferd gesetzt, bis er endlich reiten konnte.

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