Richard von Weizsäcker und die CDU : Der fremde Parteifreund

CDU-Politiker würdigen Richard von Weizsäcker – dass er einer der ihren war, aber nicht. Dabei schien er einst die ideale Persönlichkeit, die als katholisch-kleinbürgerlich-provinziell geltende CDU für protestantische und gebildete Wähler zu öffnen. Ein Kommentar.

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Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker 1984 in der Bonner Beethovenhalle.
Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker 1984 in der Bonner Beethovenhalle.Foto: dpa

Die Würdigungen der Lebensleistung von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker zeugen von dem hohen Ansehen, das das ehemalige Staatsoberhaupt überall genoss. Die verbalen Bekundungen des Respekts beziehen sich dabei ausschließlich auf die zehn Jahre seiner Präsidentschaft. Dass er davor, bis 1984, auch einer der die CDU ganz wesentlich prägenden Parteipolitiker gewesen ist, gerät darüber in Vergessenheit. Angela Merkel, Norbert Lammert, Volker Kauder, Thomas de Maizière, allesamt Spitzenvertreter der Christlich-Demokratischen Union, erwähnen dessen parteipolitische Leistungen mit keinem direkten Bezug.
Das liegt vermutlich daran, dass Richard von Weizsäcker das Bild der CDU als einer modernen Volkspartei im Merkel-Stil sehr stark geprägt hat, dabei aber eigentlich nie im Mainstream der Partei mitgeschwommen ist. Von Anfang an war er so etwas wie eine innere Opposition in der von Konrad Adenauer und dem rheinischen Katholizismus geprägten Partei, deren Geschichte erst mit der Gründung der Bundesrepublik begann, die aber natürlich eine Vorgeschichte hatte – die des katholischen Zentrums. Aus diesem Schatten wollte Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts einer entkommen, der heute zu Unrecht nicht mehr als Reformer wahrgenommen wird: Helmut Kohl.
Der war 1965 Fraktionschef der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag, als er erstmals versuchte, den Boehringer-Manager Richard von Weizsäcker – seit 1954 Mitglied der CDU – für eine parlamentarische Parteikarriere zu gewinnen. Dahinter steckte weniger Sympathie als eine taktische Überlegung, an die jetzt auch Wolfgang Schäuble im Interview mit dem Tagesspiegel (siehe Seite 2) erinnerte: Weizsäcker war seit 1964 Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, er schien die ideale Persönlichkeit, die als katholisch-kleinbürgerlich-provinziell geltende CDU für protestantische und gebildete Wähler zu öffnen.
1965 sagte Weizsäcker noch ab, 1969 gab er dem Werben Kohls schließlich nach, wurde im gleichen Jahr Bundestagsabgeordneter, 1979 Vizepräsident des Bundestages und bis 1984 Mitglied des CDU-Bundesvorstandes. Auf dem CDU-Parteitag in Hamburg stellte er 1973 erstmals die Ergebnisse der Arbeit einer Grundsatzkommission der CDU vor – und sah sich heftigem Gegenwind ausgesetzt, beschäftigte er sich doch auch mit der von Heiner Geißler aufgeworfenen „neuen sozialen Frage“ und war von dem Ehrgeiz getrieben, für die Union einen ähnlichen reformatorischen Schub auszulösen, wie es das Godesberger Programm 1959 für die SPD gewesen war. Zusammen mit Geißler, dem Generalsekretär der CDU, gelang ihm das erst 1978 mit einem neuen Grundsatzprogramm der CDU.
Weizsäcker gehörte zu den Urhebern der Ostdenkschrift der EKD, die schon 1965 einen Verzicht auf die verlorenen Gebiete im Osten propagierte. Seine Sympathien für die Brandt’sche Ostpolitik waren unübersehbar. Es bleibt erstaunlich, dass in der CDU heute niemand den Neuerer in Weizsäcker lobt – vielleicht, weil die Partei gerade dabei ist zu überlegen, ob und wie sie das konservative Protestpotenzial aufsaugen könnte?

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