Meinung : Rio im Fieber

Alexander S. Kekulé

Beim Karneval in Rio stand nackte Haut wieder hoch im Kurs. Besonders an der Fleischeslust berauscht haben sich gewisse einheimische Teilnehmer, die gemeinsam mit den Sambistas jedes Jahr dafür sorgen, dass das Karnevalsfieber so richtig hochkocht. In ihren schillernd-schwarzen Kostümen, mit weißen Ringen an den Beinen und einer weiß-gelben Leier auf dem Rücken, mischen sie sich unter die taumelnde Menge und lassen sich vollaufen - mit Menschenblut.

Die Stechmücke Aedes aegypti hätte diesmal die Party beinahe platzen lassen. In den ersten sechs Wochen des Jahres hat sie allein in Rio mehr als 7000 Menschen mit dem gefährlichen Denguefieber infiziert, sieben sind an der Viruskrankheit gestorben. Im Jahr 2000 zählte die Metropole noch 2228 Fälle - seitdem ist die Dengue-Epidemie am Zuckerhut vollständig außer Kontrolle geraten. Schuld daran sind Nachlässigkeit und Geldmangel der Gesundheitsbehörden, die das Problem 51 Wochen im Jahr herunterspielen. Erst zum Karneval, wenn sich etwa 370 000 zahlende Touristen auf den Straßen tummeln, werden hektische Aktivitäten entfaltet. Als dieses Jahr ganze Sambaschulen wegen Dengue schließen mussten und sogar der offizielle Karnevalskönig Momo vom Fieber befallen wurde, schritten die Behörden zur Tat: Mehr als tausend Helfer und Soldaten rückten aus, um die tanzenden Menschenmassen mit gigantischen Mengen von Insektiziden einzunebeln.

Diese "thermische Vernebelung" hat Nebenwirkungen, die - etwa für Asthmatiker - sogar tödlich sein können. Davon abgesehen dezimiert sie die Mücken nur für einige Tage, da die Larven nicht angegriffen werden. Dabei wäre die Zerstörung der entscheidenden Larven-Reservoire durchaus möglich, denn die Schwäche der Aedes-Mücke für Menschenblut ist zugleich ihre Schwachstelle: Weil vollgesogene Weibchen nicht weit fliegen können und sauberes Wasser für ihren Nachwuchs brauchen, brüten sie im Umkreis von maximal 90 Metern um menschliche Behausungen. Beliebteste Brutstätten sind Trinkwassertanks in den Slums; notfalls tun es aber auch Regenpfützen in alten Autoreifen oder Flaschen. Durch konsequente Trockenlegung der Brutstätten war es in Brasilien und anderen Ländern Südamerikas in den 60er Jahren bereits gelungen, die Aedes-Mücke - und damit das Denguefieber - vollkommen auszurotten. In den rasant wachsenden Armenvierteln der Großstädte ist die Seuche jedoch seit einigen Jahren erneut ausgebrochen - mit explosionsartig steigender Tendenz.

Obendrein ist das früher eher harmlose "Tropenfieber" inzwischen wesentlich gefährlicher geworden: Während das gewöhnliche Denguefieber meist nach einigen Wochen folgenlos ausheilt, kommt es bei der Zweitinfektion mit einem anderen der vier Virustypen häufiger zu tödlichen Verläufen. Der seit kurzem in Süd- und Mittelamerika grassierende Typ 3 ist deshalb für die - meist bereits mit einem anderen Virustyp infizierte - Bevölkerung besonders gefährlich. Angesichts der weltweit 50 Millionen Menschen, die jährlich an Denguefieber erkranken, ist es höchste Zeit für die Entwicklung eines Impfstoffes. Technisch wäre das bereits seit einigen Jahren machbar. Doch in Ländern wie Brasilien reicht das Geld für die Seuchenprävention eben nur eine Woche - und die ist am Aschermittwoch vorbei.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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