Rocco Artale: : „Sie mögen mich auch als Italiener“

Er war einer der ersten "Gastarbeiter" bei Volkswagen. Jetzt wird Rocco Artale Ehrenbürger von Wolfsburg. Als erster Italiener in einer deutschen Stadt. Ein Porträt

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Foto: privat
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Es hat viel Zeit vergehen müssen, mehr als ein halbes Jahrhundert: Am 25. September wird zum ersten Mal ein Italiener Ehrenbürger einer deutschen Stadt werden, also einer von denen, mit denen ab Mitte der 50er Jahre die Masseneinwanderung nach Deutschland begann. Die Stadt Wolfsburg wird dann mit einem Festakt Rocco Artale ehren, der 1962 als einer der ersten „Gastarbeiter“ bei Volkswagen anfing. Artale sei „eine der bedeutenden Persönlichkeiten, die die Stadtgeschichte mitgeprägt haben“, hieß es in der Vorlage des Bürgermeisters an den Stadtrat. Das ist in seinem Falle viel mehr als die gelegenheitsübliche Lyrik: Artale, vor 72 Jahren in einem Flecken in den Abruzzen nahe Pescara geboren, engagierte sich praktisch von Anfang an im VW-Betriebsrat und in der IG Metall für die Belange der Ausländer, er war Gewerkschaftssekretär, Vize-Ortsbürgermeister seiner Wohngemeinde, gründete vor fast vierzig Jahren den Wolfsburger Ausländerbeirat, leitete einen Sportverein und ging, als die Rente begann, in die Kommunalpolitik: Bis vor einem Jahr saß er für die SPD im Stadtrat. Dennoch brauchte es die in Wolfsburg sehr aktiven italienischen Vereine – sie unterschrieben alle –, um das Projekt Ehrenbürgerschaft vor die Stadtväter und -mütter zu bringen.

Das ist für den Geehrten nichts Neues. „Wir haben selbst dafür gearbeitet, dass unser Einfluss wuchs“, sagt er zum Beispiel über sein frühes Engagement in der IG Metall. Die deutschen Gewerkschaften waren den Neuankömmlingen lange nicht besonders wohlgesinnt. Auch an die Schilder von damals an Wolfsburger Wänden „Ausländer nicht erwünscht“ erinnert sich Artale noch.

Tempi passati. In diesem Jahr feiert sein Wolfsburg aufwendig das eigene halbe Jahrhundert Einwanderungsgeschichte. Am 17. Januar begann das Jubeljahr mit einem Fest von Volkswagen – an jenem Tag vor 50 Jahren traf der erste Zug mit italienischen Arbeitern in Wolfsburg ein –, und wenn Rocco Artale demnächst seine Ehrenbürgerurkunde erhält, wird das noch nicht das Ende der Feste, Ausstellungen, Kongresse sein. Artale, der seit 46 Jahren mit einer Wolfsburgerin verheiratet ist, sieht sich längst ausreichend integriert. Auf die deutsche Staatsbürgerschaft will er daher weiter verzichten. „Ich bin rundum Italiener“, sagt er lachend. Ehrenbürger gern, Staatsbürger nein. Schließlich weiß er von seinen Lands-, nein Stadtleuten: „Sie mögen mich auch als Italiener.“ Andrea Dernbach

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