Roger Boyes : Genießt die königliche Hochzeit

Berlin ist die Stadt der heimlichen "Goldene-Blatt"-Leser, die Hauptstädter lieben Königshäuser. Roger Boyes über komische Hüte, den Tuntenflügel der SPD und schreckliche Königsfamilien.

Roger Boyes[The Times]
Die niederländische Königin Beatrix war zu Gast in Berlin.
Die niederländische Königin Beatrix war zu Gast in Berlin.Foto: dapd

Als Königin Elizabeth 2004 Berlin besuchte, wurde ich ernsthaft von Leuten gefragt, ob ich nicht meine Kontakte spielen lassen könnte, um sie beim Bankett oder Empfang in der Philharmonie reinzukriegen. Diese Antragssteller hatten offenbar nicht verstanden, wie tief auf der britischen Hackordnung ich stehe. Genauso gut kann man einen Eisbudenbesitzer aus Kreuzberg bitten, eine Audienz mit dem Papst zu ermöglichen, weil beide ja schließlich viel Zeit in Rom verbringen würden. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Die Anfragen kamen interessanterweise von Sozialdemokraten, und nicht mal vom Tunten-Flügel der Partei, den „Bunte“ lesenden Glamour-Sozis. Sie kamen mir mit der Faszination ihrer Frauen für die Queen. Von wegen: Berliner, Männer und Frauen, lieben Königshäuser. Es ist die Stadt der geheimen „Goldene-Blatt“-Leser. Peinlich? Natürlich. Diese vermeintlich stolze proletarische Stadt wirft sich so gut wie jedem zu Füßen, der einen exotischen Titel hat. Beim Queen-Besuch 1965 war es, habe ich mir sagen lassen, nicht anders. Und auf einem niedrigeren Niveau gerade wieder beim Besuch von Königin Beatrix. Ich kenne niemanden außerhalb Hollands, der sich so sehr für ihren merkwürdigen Hutstil interessiert wie die Berliner. Diesmal schien es, als trüge sie eine Bratpfanne auf dem Kopf. Beide, Beatrix und Elizabeth, arbeiten hart, obwohl sie Multimillionärinnen sind; sie wirken wie mitteleuropäische Haufrauen mit einem schlechten Kleidergeschmack.

Und nun stehen uns weitere merkwürdige Hüte und feiste Prinzen und verschmierte Schminke bevor: die königliche Hochzeit. Das ist der Moment, an dem der Berliner all die schrecklichen Königsfamilien dieser Welt vergleicht, beim Anblick der neuen Prinzessin Catherine eine Träne verdrückt und sich Sorgen macht, ob ihre Mittelschichtenwerte durch den Kontakt mit den Blaublütigen korrumpiert werden.

Schließlich kommt der König von Bahrein (wenn er nicht zu Hause bleibt, um auf Demonstranten zu schießen. Die Hochzeit ist an einem Freitag (und nach dem Freitagsgebet sind die Proteste besonders stark). Carl Gustav von Schweden wird kommen, seine Sexpartys waren immer montags. Ich hoffe, sie werden Platz für Prinz Laurent von Belgien in der Westminster Abbey finden, der seinen toten Hund in eine Tiefkühltruhe gesteckt hat. Und für Prinz Henrik, Ehemann der dänischen Königin, der jedem erzählt, wie gern er Hunde isst. Wäre ich ein Hund der Queen, würde ich mich beim Bankett verstecken. Man kann nur hoffen, dass Ernst August von Hannover gute Laune hat und die Musik nicht zu laut ist; seine Vettern im Buckingham Palace dürften wissen, wie empfindlich er ist. All diese werden Catherine herzlich in die erweiterte Familie aufnehmen – oder wenigstens so tun. Sie könnte sich fragen, ob das den Stress wert war.

Vielleicht liegt darin der Reiz für die Berliner: Sie können mit Neid auf den Reichtum schauen und gleichzeitig den Kleidungsstil und die Geisteshaltung dieser Inzucht-Monarchen kritisieren. Jede Familie hat ein schwarzes Schaf, diese haben ganz Herden. Prinz Andrew zum Beispiel, der Onkel von Kates zukünftigem Ehemann, gibt sich seit Jahren mit Diktatoren ab. Und seine Ex wurde gerade dabei erwischt, wie sie eine halbe Million Euro dafür verlangte, einem Geschäftsmann Kontakt zu Andrew zu verschaffen. Vor ein paar Jahrhunderten hätte man ihr den Kopf abgeschlagen, sie darf sich also glücklich schätzen. Hat sich Ähnliches in der Middleton-Familie ereignet? Ich denke nicht.

Der große Fehler des britischen Königshauses – abgesehen davon, die populären öffentlichen Hinrichtungen abgeschafft zu haben – lag darin, sich als Familie zu präsentieren. Schon immer waren Englands Königinnen Hunde lieber als ihre Kinder, den Königen Mätressen lieber als die Königinnen. Der Trick war, dass niemand darüber sprach. Plötzlich zwingen die Medien die Windsors, sich als fröhliche Familie zu geben. Und plötzlich fragen sich die Leute, ob die Queen eine gute Mutter ist und Prinz Philip ein netter Schwiegervater. Dabei wurde sichtbar, dass die Windsors so dysfunktional sind wie die Simpsons (die Fernsehserie, nicht die geschiedene Frau von Edward VIII.).

Ich kann den Berlinern nur sagen: Genießt die Show. Sobald aber die Tochter Kates Haarschnitt will und der Sohn sich für Polo zu interessieren beginnt, sollte man sie rausschmeißen. Sie brauchen Vorbilder, die es von allein geschafft haben, nicht wegen ihrer hannoverschen Gene.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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