Roger Boyes' letzte Kolumne : Nehmen Sie Ihre Pillen – Berlin braucht Sie!

Roger Boyes beendet seine Tagesspiegel-Kolumne und geht zurück nach England. Diesmal blickt er noch einmal zurück auf die Debatten mit Ihnen, den Tagesspiegel-Lesern.

Roger Boyes
Roger Boyes.
Roger Boyes.Foto: laif

Ist ihnen schon einmal aufgefallen, wie oft das Publikum bei „Wer wird Millionär?“ die richtige Antwort weiß? Sogar bei den absonderlichsten Fragen! Francis Galton, ein Philosoph des frühen 20. Jahrhunderts, stellte einmal fest, dass die Menschenmenge bei einem Fest auf dem Land fast immer das Gewicht eines Ochsen richtig schätzt – genauer als irgendein Experte oder Metzger. Eine Gruppe mit eigener Erfahrung in Bezug auf ein Problem verfügt über Weisheit. Deshalb nehmen Zeitungen ihre Leser ernst, nicht nur als Kunden, sondern als Menschen mit Meinungen. Tagesspiegel-Leser – Sie! – repräsentieren den gesammelten gesunden Menschenverstand und das Gedächtnis Berlins. Ignoriert man Sie, fällt es einem auf die Füße.

Als mir ein gewisser Dr. Brockmöller riet, „gehen Sie zurück nach England, Ihre Arroganz scheint angeboren zu sein, man steht kurz vor dem Würgereiz, sich diesen provozierenden Schwachsinn durchzulesen“, dachte ich mir, nun ja, vielleicht hat er recht. Trotz der Gefährdung für seine Gesundheit, die damit einhergeht, las Dr. Brockmöller weiterhin meine Kolumne: „Auch zum neuen Jahr haben Sie Ihrem Nihilismus einen kommentatorischen Raum geschaffen.“ Das war 2003. Ich habe lange nichts mehr von ihm gehört. Ich hoffe, es geht ihm gut, denn ich möchte ihm heute zurufen: Sie haben gewonnen! Ich gebe auf, ich gehe nach Hause. Und das ist, laut meinem Pass, Großbritannien.

Mehr als 15 Jahr lang hatte ich diese außergewöhnliche Beziehung mit den Tagesspiegel-Lesern, auch mit solchen, die über ein milderes Temperament als Dr. B. verfügen. Vielleicht wegen meiner exhibitionistischen Tendenz, so bereitwillig mein Privatleben auszubreiten – auch in Ermangelung sinnvoller Themen –, haben mir Leser immer wieder gern Rat angeboten. Die Heiratsangebote habe ich ausgeschlagen. Mit einem Afrikakorps-Veteranen hätte ich fast die Schlacht von El Alamein auf meinem Küchentisch nachgekämpft. Hundeexperten schickten Vorschläge, wie meinem (inzwischen verstorbenen) West Highland Terrier doch noch Manieren beigebracht werden könnten. Normalerweise waren es Leser mit viel Zeit: ein Häftling aus Moabit, unterforderte Lehrer, ein Priester (der mein Misstrauen gegenüber dem Harry-Potter-Kult teilte), Physiker, die nicht schlafen konnten („Auf meiner Terrasse messe ich Lärmpegel bis zu 90 dB (A), insbesondere für den Regionalzugverkehr“). Menschen, deren Herz für Berlin schlägt. Über 300 schrieben mir, als meine Frau 2002 starb. Briefe, die bewegend vom Überleben und von Trost berichteten. Immer wenn ich über diese Stadt zu stöhnen beginne, angesichts der irrationalen Großkotzigkeit, ihrer vielen Fehler und der Unfähigkeit, Kritik anzunehmen, denke ich an diese Briefe, an den sentimentalen Kern und das Mitgefühl dieser Stadt. Worte allein können das Herz heilen.

Als ich die Briefe sortierte, breitete ich sie auf dem Boden meiner fast leeren Wohnung aus. Die ersten stammen aus den 90er Jahren, wacklig getippt oder mit blauer Tinte verfasst. Die wirklich wütenden – wegen meiner Unterstützung von Bush und Blair im Krieg gegen Saddam Hussein – waren auf Computern geschrieben, oft in Blockschrift, die wichtigen Punkte unterstrichen. Eine 17-jährige Schülerin, Ada Labahn aus Hamburg, schrieb einen brillant argumentierten Protestbrief, beantwortete aber meine Frage an die Deutschen nicht: Gibt es nichts, für das es sich zu kämpfen lohnt? Sie wäre heute 23, vielleicht sollte ich sie noch einmal fragen.

Ein ehemaliger Siemens-Ingenieur, Anton Heyne, schrieb 1998, was passieren müsste, wenn ein Euro-Land wirtschaftlich kollabieren sollte. Seine Empfehlungen lesen sich wie die von EZB-Chef Trichet zu Griechenland. Woher er das gewusst habe, habe ich ihn gefragt. „Wenn man weder Politik noch Wirtschaft noch Diplomatie studiert hat, wird auch der normale Menschenverstand nicht wegstudiert.“

So wird eine Zeitung lebendig: indem sie Menschenverstand aktiviert und Leidenschaft und Debatten anregt. Den meisten Zuspruch bekam ich, wann immer ich Berlins selbst ernannte Alphamännchen auf die Schippe nahm. Als ich Mehdorn mit Napoleon (genauer: mit einem psychiatrischen Patienten mit Bonaparte-Komplex) verglich, verlangte der Bahn-Chef vom Chefredakteur der „Times“ eine Entschuldigung. Mein Boss war sprachlos.

Dann kam ein Brief von Marianne Motherby, Leiterin der Rechtsabteilung der DB, und 29 Führungskräften der Bahn: „Was veranlasst Roger Boyes immer wieder dazu, seine schlechte Laune an der DB und insbesondere an Hartmut Mehdorn auszulassen?“ Tja, was denn bloß? Tagesspiegel- Leser nahmen Prinz Hartmuts Wandel von Napoleon zu Kim il Sung schnell wahr. Das ist Teil der Weisheit der Gruppe: Sie merkt, wenn der Kaiser keine Kleider mehr trägt.

Ich habe noch so viele Kämpfe zu kämpfen. So viele Entscheider, angefangen mit Teflon-Wowi im Roten Rathaus, überschätzen sich. Aber die Gefahr ist groß, dass auch Journalisten sich überschätzen. Sie sollten ihre Kritiker anhören, sich nicht über sie lustig machen. Deshalb ist dies meine letzte Kolumne.

Um einem meiner Leser, ein Hamburger, der bezweifelte, dass ich wirklich das „süße Schnuckelchen“ von dem Bild in der Kolumne sei, einen Gefallen zu tun, druckt der Tagesspiegel heute ein aktuelles Foto. Jetzt wissen Sie alles. Begehen Sie nicht in Massen Harakiri, so verlockend das sein mag. Sie können schließlich weiterhin die Kolumne meiner charmanten Kollegin Pascale Hugues lesen. Und, Dr. Brockmöller, vergessen Sie nicht, Ihre Pillen zu nehmen. Berlin braucht Sie.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller. Roger Boyes beendet seine Tagesspiegel-Kolumne und geht zurück nach England. Am 3. Juli erscheint sein Abschiedsessay.

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