Roger Boyes: My Berlin : Gerhard Schröder: Putins Guru, Müntes Klotz

Times-Korrespondent und Tagesspiegel-Kolumnist Roger Boyes wundert sich über Alt-Kanzler Gerhard Schröder, seine neue Wichtigkeit bei der SPD und seine Loyalität zum Obrigkeitsstaat Russland.

Roger Boyes
"Hauptsache Kultur"
Wer hat das Sagen? Schröders Comeback. -Foto: dpa

Eines ist in den letzten sechs Jahren klargeworden, von Putins Geburtstagsgruß mit Kosakenchor für den lieben Gerd bis zu dessen Auftritt neulich beim extravaganten russischen Botschaftsball Unter den Linden: Bis zum Lenin-Orden ist der Weg für den Niedersachsen nicht mehr weit. Besonders fiel bei jenem Ball ins Auge, wie die deutschen Gäste mit Schröder umgingen – alles Topunternehmer mit Interesse an der russischen Petrowirtschaft: Wie mit einem vollwertigen Mitglied der russischen Elite, wie mit einem Gastgeber. Schröders Entscheidung, sich nach Kräften Gasprom anzuschließen, mag man als Akt des Patriotismus auslegen: Die Ostseepipeline schadet den Interessen der osteuropäischen Staaten, aber sie ist ein Beitrag zur Energiesicherheit Deutschlands.

Schlimmer finde ich seine Bereitschaft, sich bei jeder erdenklichen Gelegenheit in einen Kreml- Sprecher zu verwandeln. Im „Spiegel“ machte er im August Georgien für den Kaukasuskrieg verantwortlich, kritisierte die Anwesenheit von US-Beratern, betonte, dass Nordossetien und Abchasien kaum zu Georgien zurückkehren könnten, und sagte – nur Tage nachdem russische Panzer ihre Positionen eingenommen hatten – niemand in Moskaus Führung habe Interesse an einer militärischen Eskalation. „Iswestija“ hätte es nicht besser formulieren können.

Wir haben hier ein Rollenproblem

Genug, sagen Sie jetzt vielleicht, der Mann ist Pensionär, ein freier Mann mit Recht auf seine eigene Meinung. Und will nicht jeder mal seinen Chef erfreuen? Doch wir haben hier ein Rollenproblem, das in Deutschland noch nicht richtig diskutiert worden ist: Schröders Gasprom-Gehalt war so lange politisch bedeutungslos, bis die SPD sich entschied, mit Steinmeier und Müntefering in den Wahlkampf zu gehen. Als Kurt Beck ging, hat sich die Lage verändert. Jetzt glaubt die SPD wieder an Wunder. Beck ist weg, die CSU verhält sich wie eine blasse, kranke Tante, Angela Merkel wird immer verwundbarer, indem sie Guido Westerwelle Avancen macht.

Schröder, so scheint es, spielt wieder eine Rolle in der Wahlplanung. In Amerikas Wildem Westen bereisten früher Medizinmänner die Provinz und verkauften von ihrer Kutsche aus Schlangenöl und andere Placebos. Das Zeug wirkte nicht, doch die Einwohner würden zurückkommen und beim nächsten Mal mehr kaufen: Es ging darum, der Schwäche unbedingten Glauben entgegenzusetzen. Gerhard Schröder ist in den Augen seines Schützlings Steinmeier und seines Freundes Münte so ein Medizinmann, er kann die Wähler zurückholen. Das hat er immer geschafft. Jetzt betet das neue Gasprom-Team Gerd, Steini und Münte für einen Sieg John McCains im November. Ein unberechenbarer kalter Krieger in Washington? Perfekt.

Meine Befürchtungen vor einer Abhängigkeit der SPD von Schröder liegen gar nicht mal darin begründet, dass er indirekt auf der Gasprom-Gehaltsliste steht. Er könnte ein Jahr Urlaub nehmen, bevor er die politische Bühne wieder betritt (das wird er zweifellos). Ich will auch gar nicht darüber ächzen, dass es die SPD nach 2005 nicht geschafft har, sich zu entschröderisieren. Wir wissen alle, dass die Partei dringend eine neue Generation brauchte, die Strategien findet, wie sie mit Oskar Lafontaine umgehen soll. Das ist nicht geschehen, also müssen wir uns mit der politischen Realität hier und jetzt befassen.
 
Russlands Dilemma, Deutschlands Dilemma

Das Problem ist, dass Russland ein Obrigkeitsstaat ist. Es fordert unmissverständlich (und bekommt im Großen und Ganzen) die Loyalität seiner Bürger. Vor ein paar Jahren noch war es ein Vergnügen, die russische Presse zu lesen; heute suchen die Kommentatoren nach so vielen Wegen wie möglich, um den Kreml zu unterstützen. Putins Ziel war es, einen starken Zentralstaat zu schaffen – auf Kosten der Zivilgesellschaft. Letzte Woche war ich im Kaukasus, in Nordossetien, Inguschetien, Tschetschenien, Dagestan. Immer wieder hörte ich das Gleiche: Putin hat überall schwache Führer und Manager installiert – nur, weil sie loyal zum Kreml stehen oder Moskau etwas schulden. Das Ergebnis sind korrupte Regierungen, kaum Hoffnung auf mehr Demokratie und eine stetig sinkende Macht des Reichs. Das ist Russlands Dilemma.

Deutschlands Dilemma ist, dass es neue Strategien gegenüber der Großmacht entwickeln und aufrechterhalten muss, die wohl den größten Teil des Einflusses über seine Zukunft hat. Doch eine der Parteien, die im kommenden Wahljahr wieder an die Spitze drängt, wird beraten, inspiriert, vielleicht sogar diskret gesteuert von einem Mann, der solch eine Strategie nicht liefern kann. Es ist dringend an der Zeit, dass sich Steinmeier und Müntefering offen von ihrem Freund, Guru und ehemaligen Chef distanzieren.

Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Bickerich.

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