Roger Boyes : Warum wir Wowereit gegen eine Ziegenherde tauschen könnten

Es gibt gar keinen Wahlkampf. Der Regierende Bürgermeister scheint zu glauben, dass die Berliner ihn so oder so wählen werden.

Roger Boyes[The Times]

Einen Moment lang hatte ich Angst, Klaus Wowereit könnte wegen der Aschewolke in Moskau stranden. Ganz allein, ohne Journalisten, und das in diesem strategisch wichtigen Moment, kurz vor Beginn des Wahlkampfsommers, eine brutale Unterbrechung seines Dialogs mit den Wählern. Aber dann wurde mir klar: Es gibt gar keinen Wahlkampf. Der Regierende Bürgermeister scheint zu glauben, dass die Berliner ihn so oder so wählen werden, hypnotisiert durch seinen Charme und weil sie ihn wirklich, ehrlich lieben. Der Letzte – und ich beschränke mich hier auf die deutsche Geschichte und lasse Kim Il Sung und Muammar al Gaddafi außen vor –, der auf dieselbe Art und Weise die lebendige Liebe seiner Bürger zu spüren glaubte, war der fiese alte Erich Mielke.

Der Ausflug nach Moskau war merkwürdig, fast eine Pilgerreise. Berlin, erzählte Wowereit den Russen, unterhalte mit keiner anderen Partnerstadt derart enge Beziehungen. Kann das wahr sein? Ist das das deprimierende außenpolitische Resultat des jahrelangen rot-roten Missmanagements? Kein Wunder, dass Obama auf seiner Europatour an Berlin vorbeigefahren ist. Alles, was uns Wowis Reise nach Russland gebracht hat, ist das Versprechen des Moskauer Zoos, uns eine Sichuan-Takin-Ziege zu überlassen. Die können wir dann ja essen, wenn es hart auf hart kommt.

Vielleicht war es das eigentliche Ziel dieser offensichtlich hastig organisierten Ostsafari, den Regierenden aus Berlin auszufliegen, bevor die schlechten Nachrichten die Hauptstadt erreichen würden. Das ist eine von Wowereits ganz großen Nummern. Erinnern Sie sich an den Sombrero-Trip? An die täglichen Mitteilungen via Bildzeitung, das Lob auf das Corona-Bier und das mexikanische Flair, während wir, ganz aus der Nähe, die Stadt im finanziellen Morast versinken sahen? Wenn ich mich recht entsinne, rief er während der gesamten Reise ein einziges Mal im Rathaus an.

Jetzt gibt es wieder schlechte Nachrichten, nämlich dass Berlin mit einer Haushaltsnotlage konfrontiert ist und wohl unter Finanzaufsicht gestellt wird. So wie ich das verstehe, ist das so etwas Ähnliches wie die elektronische Fußfessel, die sie Dominique Strauss-Kahn verpasst haben. Finanzaufsicht, das heißt, das Vertrauen in Berlins Fähigkeit, seine Schuldenprobleme selbst zu lösen, ist zusammengebrochen. Die Parallelen zu Griechenland, das vom IWF (zur Erleichterung der griechischen Frauen nun ohne Strauss-Kahn) und von der EU inspiziert wird, sind offensichtlich. Beide, Berlin und Griechenland, haben sozialistische Führer, beide haben Rentner, die so jung sind, dass sie meine Kinder sein könnten, beide haben Beamte in der Dauersiesta und renitente Anarcho-Demonstranten, die den Zugverkehr lahmlegen. Na, gut. Berlin liegt nicht am Meer und hat keine Akropolis. Aber wie dieser Tage eine intelligente Analyse auf der Seite zwei des Tagesspiegels deutlich machte, fehlt beiden Ländern ganz einfach eine gute Idee, wie das Schuldenproblem gelöst werden könnte. „Wie viel Griechenland zeigt sich in Berlin“, hieß es in der Tagesspiegel-Überschrift. Die Antwort darauf ist: ziemlich viel. Das wiederum wirft die bislang unbeantwortete Frage auf, warum Wowereit eigentlich nichts dagegen macht.

Hat er vielleicht neue Einnahmenquellen aufgetan oder Investitionen eingeworben? Hat er privatisiert, hat er Vermögenswerte verkauft? Hat er mit dem Bund neu verhandelt? Hat er die Armee der Beamten und Angestellten verkleinert? Es gibt 189 000 von ihnen, mehr als Einwohner in Charlottenburg. Nein, hat er nicht. Hallo? Hier ist bald Wahl! Wenn es allerdings nach Wowereit ginge, würden Berlins Finanzen längst von jemand anderem verwaltet. Vom IWF, von den Marsmenschen, von der Fremdenlegion, von Thilo Sarrazin. Was geht es ihn an, solange er dabei die Hände und seinen kreativen Kopf frei hat. Handeln aber, jedenfalls alles Handeln, das Berlins angeschwollene Subventionskultur berührt, ist ein potenzieller Stimmenkiller.

In der Folge verschwindet Wowereit jedes Mal von der Bildfläche, wenn ein Problem auftaucht. Während der S-Bahn-Krise im letzten Winter hätte man Spürhunde einsetzen müssen, um herauszubekommen, wo der Regierende sich herumtreibt. So bleibt er an der Macht. Und wer könnte es ihm übel nehmen? Niemand ist gern unbeliebt. Man sollte nur daran erinnern, dass er dafür bezahlt wird, diese Stadt zu verwalten. 183 000 Euro netto. Dafür könnte man eine ganze Menge Ziegen kaufen.

Aus dem Englischen übersetzt von Anna Sauerbrey.

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