Rosetta-Mission : Der Mensch hat den Kosmos im Blut

Es liegt in unserem Wesen, Neues zu erkunden und Grenzen zu überschreiten. So gesehen ist die Eroberung des Universums Teil der menschlichen Evolution.

Hartmut Wewetzer
Erste Bilder von der Oberfläche des Himmelskörpers "Tschuri" zeigen eine karge und zerklüftete Landschaft.
Kometenpanorama. Erste Bilder von der Oberfläche des Himmelskörpers "Tschuri" zeigen eine zerklüftete Landschaft.Foto: dpa

Eigentlich sollte sich das von der Sonde „Rosetta“ abgesetzte Landegerät „Philae“ mit zwei Harpunen auf dem eisigen Kometen „Tschuri“ festkrallen. Das hat nicht geklappt. Dennoch glückte nach zwei „Hüpfern“ zu guter Letzt die riskante Landung des kühlschrankgroßen Mini-Roboters. Jetzt funkt er feine Bilder und forscht selbsttätig. Und alle sind froh. Oder?

Nein, nicht alle sind glücklich mit der Kometensonde „Rosetta“ und ihrem „Philae“-Roboter. Immerhin hat die ganze Mission 1,3 Milliarden Euro verschlungen. Dafür hätte man den einen oder anderen Kilometer Autobahn bauen, marode Brücken und Schulen erneuern können. Und doch ist das Geld gut angelegt. Die Mission zum Kometen „Tschuri“ erweitert nicht nur unser Wissen vom Werden des Sonnensystems und unseres Heimatplaneten. Sie ist auch ein Schritt ins All, und damit in unsere Zukunft.

Fast eine halbe Stunde braucht das Licht von der Erde zum Kometen

Eine halbe Milliarde Kilometer ist Tschuri entfernt. Das Licht braucht von der Erde fast eine halbe Stunde zu dem Himmelskörper. Der Komet deckt etwa die Fläche von Berlin-Kreuzberg ab, hat also eine überschaubare Größe. Es war eine glanzvolle Ingenieurleistung, diesen Eis- und Staubbrocken im Sonnensystem nicht nur zu finden, sondern auch noch auf ihm zu landen. Wenn man sich allerdings vor Augen hält, dass Alpha Centauri, das nächste Sonnensystem, noch rund vier Lichtjahre und damit mehr als 40 Billionen Kilometer entfernt ist, dann wird klar, dass die Raumfahrt gerade ihre ersten Trippelschritte macht.

Das Unbekannte erzeugt Angst, aber es reizt auch die Fantasie, animiert zum Aufbruch. Der Mensch hat sich den Weg über Kontinente und Ozeane gebahnt, er wird auch vor den Weiten des Alls nicht haltmachen. Es liegt ihm im Blut, Grenzen zu überschreiten, sich vom Hunger nach Neuem in die Ferne ziehen zu lassen.

Fruchtbare Welten können der Menschheit helfen, zu überleben

Der Kosmos erscheint wüst und kalt und leer, aber das ist womöglich nur die halbe Wahrheit. Ganz weit weg, jenseits des Erreichbaren, wird es neue, fruchtbare, bewohnbare Welten geben. Planeten zum Überleben. Sie werden nicht heute und nicht morgen erschlossen, womöglich auch nicht in 100 Jahren. Aber vielleicht in 1000. Doch wer weiß? Vor 100 Jahren wäre die Idee, auf einem Kometen in gewaltiger Entfernung zu landen, auch als Fantasterei verlacht worden.

Vielleicht noch bedeutsamer als die realen Ausflüge ins All sind die virtuellen. Das Bild vom Kosmos, seiner Entstehung und weiteren Entwicklung wandelt sich rasch. Musste das statische, „schon immer vorhandene“ Weltall der Idee eines seit dem Urknall explosiv auseinanderstrebenden Gebildes von unfasslichen Ausmaßen weichen, so ist mittlerweile auch dieses Bild wieder infrage gestellt worden.

Oder besser: noch einmal erweitert. Denn die Vorstellung von Multiversen, von sich fort und fort zeugenden kosmischen Gebilden und von rhythmisch entstehenden und vergehenden Universen sprengt das bisherige Modell, schrumpft es zum kosmischen Kleingarten. Was der Mensch noch vom Weltall lernen und in ihm erfahren wird, dürfte selbst die Fantasie so manches Science-Fiction-Autors übersteigen.

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