Meinung : Rosinenbomber nach Darfur

Die Kinder im Sudan brauchen Hilfe – auch aus Deutschland Von James T. Morris

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Was haben ein kleines Kind in Berlin im Sommer 1949 und ein kleines Kind in Darfur im Sommer 2004 gemein? Beide schauten in den Himmel und hofften,dass bald wieder Flugzeuge mit Lebensmitteln kommen würden. Für beide bedeuteten diese Flüge Überleben und eine Chance auf eine bessere Zukunft.

In den Straßen von Berlin sieht man noch die Spuren der Nachkriegzeit, als auch die Deutschen auf internationale Hilfe angewiesen waren. Rosinenbomber retteten 1948/49 viele Menschenleben, als Berlin während des Kalten Krieges von der Außenwelt abgeschnitten war. 278 000 Flüge brachten 540 000 Tonnen Nahrungsmittel nach Berlin, an einem einzigen Tag fast 13 000 Tonnen!

In diesem Jahr haben WFP-Flugzeuge schon fast 50 000 Tonnen Nahrungsmittel nach Darfur geflogen – sie landen auf kleinen, staubigen Pisten oder werfen Nahrungsmittel in Gebieten ab, die zu gefährlich sind, um sie auf Straßen zu erreichen. Die Menschen dort durchleben eine der schwierigsten humanitären Krisen, die sich heute auf der Welt abspielen.

Zu den bewegendsten Momenten meiner Reisen nach Darfur gehören die Treffen mit den Kindern in den Vertriebenenlagern. Viele haben gesehen, wie ihre Mütter vergewaltigt, ihre Väter getötet, ihre Hütten zerstört wurden. Ihre Fröhlichkeit trotz des Grauens, das sie erlebt haben, ihr Optimismus trotz der Öde in den Vertriebenenlagern haben mich tief berührt. Jeden Tag spornen sie uns beim UN-Welternährungsporogramm an, noch mehr zu tun. Mehr als eine Million Menschen ernähren wir dort, im nächsten Jahr können es schon mehr als zwei Millionen sein.

Vor einem halben Jahrhundert freute sich der kleine Berliner Junge über die Schokolade aus Amerika. Aber genau wie für das Kind in Darfur bedeuteten diese Flugzeuge vor allem Hoffnung – und die Erkenntnis, dass Menschen am anderen Ende der Welt von ihrer Not wissen und etwas tun. Und beide konnten darauf hoffen, alles würde vielleicht eines Tages wieder gut. Die Parallelen gehen weiter. Beide Krisen waren politische Konflikte, beide lösten Hunger und Not aus, die nicht von Naturkatastrophen kamen. Beide sind Herausforderungen an die Weltgemeinschaft, zu handeln, zu helfen, zu spenden.

Deutschland konnte wegen der Hilfe vor einem halben Jahrhundert den Weg aus Krieg und Zerstörung zurück in die demokratische Gemeinschaft finden. Die Luftbrücke hat damals zwei Milliarden DM gekostet – heute entspricht das einer Summe von über vier Millarden Euro. Stellen Sie sich vor, wir würden solche Gelder heute haben – wir könnten 150 Millionen Schulkindern eine gesunde Mahlzeit am Tage geben und sie vor dem Hunger retten.

In der zweiten Hälfte der 90er Jjahre ist die Zahl der Hungernden um 18 Millionen gestiegen. Das ist das Gegenteil des Ziels der UN, die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Währenddessen ist die Höhe der Nahrungsmittelhilfe von 15 Millionen Tonnen im Jahr 1999 auf 10 Millionen Tonnen im Jahr 2003 gesunken.

Wir müssen also mehr tun, viel mehr. Aber wie können die Deutschen heute helfen?

Die Bundesrepublik ist heute eines der größten Geberländer und wir hoffen, es kann in der Zukunft noch mehr tun. Berlin steht diese Woche ganz im Zeichen der humanitären Hilfe für Menschen vor allem in Afrika, die so auf unsere Hilfe und unseren Einsatz angewiesen sind.

Wir vom WFP haben gestern ein Büro in Berlin eröffnet, um die deutsche Öffentlichkeit noch besser über unsere Arbeit zu informieren. Denn wir müssen mehr tun, damit kleine Jungen in Darfur und an oft vergessenen Orten wissen, sie stehen nicht alleine da, so wie damals der kleine Junge in Berlin nicht allein war. Und damit sie hoffen können, dass irgendwann vielleicht alles wieder gut wird.

Der Autor ist Exekutivdirektor

des UN-Welternährungsprogramms WFP.

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