Meinung : Roter Koffer mit schwarzen Zahlen

Warum der britische Schatzkanzler Gordon Brown dem Wahltag und Zahltag ruhiger entgegensehen kann als Hans Eichel

Flora Wisdorff

Das muss der Traum von Hans Eichel sein: sagen zu können, dass das Land die M längsten anhaltende Wachstumsperiode seit 200 Jahren durchlebe – mit der niedrigsten Arbeitslosenrate seit 1975. Und obendrein anzukündigen, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr noch stärker wachsen wird. Genau das hat Eichels britischer Kollege Gordon Brown am Mittwoch vor dem britischen Unterhaus verkündet.

Am traditionellen Budget Day, an dem der britische Finanzminister schon seit mehr als 100 Jahren mit einem roten Köfferchen samt Haushaltsrede in das Parlament schreitet, hatte Brown viele positive Nachrichten im Gepäck: Die britische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 2,3 Prozent gewachsen, 2004 sollen es mindestens drei Prozent sein. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 4,8 Prozent. In das Gesundheits- und das Bildungssystem sollen noch mehr öffentliche Gelder fließen. Warum können sich die Briten das erlauben, und die Deutschen nicht? Weil Gordon Brown am Anfang seiner Amtszeit gespart hat: Ende der 90er Jahre, als von Krise noch keine Rede war. Hans Eichel hat damals nicht gespart. Der Anteil der Gesamtverschuldung am Bruttoinlandprodukt (BIP) von Großbritannien liegt bei 40 Prozent. In Deutschland sind es über 60 Prozent. Zudem ist der britische Arbeitsmarkt viel flexibler. Niedriglohnjobs sind weit verbreitet, sie lassen die Arbeitslosenzahlen schrumpfen. Und die Konsumenten geben fleißig Geld aus.

Gordon Brown personifiziert das britische Wirtschaftswunder. Der als kauzig und unnahbar geltende Schotte ist seit 1997 im Amt. Bleibt er noch ein weiteres Jahr, bricht er einen Rekord: Dann ist er der am längsten amtierende Schatzkanzler seit Mitte des 19.Jahrhunderts. Als Brown seinen Posten antrat, versprach er vor allem Stabilität in der Finanzpolitik. Seine Golden Rule ist, sich bis 2006 nur so viel Geld neu auszuleihen, wie der Staat auch investiert. Und dieser Regel ist er bisher auch konsequent gefolgt.

Brown ist es gelungen, die traditionellen Labour-Wähler für sich zu gewinnen. Den Ärmeren geht es unter dem von den Medien zum „Robin Hood“-Schatzkanzler ernannten Brown um einiges besser – ohne dass die Masse groß unter der Umverteilung gelitten hätte. Auch die Wirtschaft konnte bisher gut mit Brown leben: Erhebliche Steuerbelastungen für die Unternehmen hat der linke Kanzler nicht eingeführt.

Jetzt steht Brown jedoch trotz der guten Nachrichten unter Druck: Denn er hat ein größeres Budgetloch zu stopfen als gedacht. Die Staatsneuverschuldung wird in diesem Jahr auf 37,5 Milliarden Pfund steigen – das sind 10,5 Milliarden mehr als geplant. Die Steuereinnahmen sind nicht so üppig geflossen wie erwartet. Erst diese Woche stellte die Europäische Kommission fest, dass auch Großbritannien 2004 den Stabilitätspakt verletzen wird. Brown will trotzdem weiter in die maroden Bildungs-, Gesundheits- und Transportsysteme investieren. Unpopuläre Steuererhöhungen schließt er aus. Noch. Denn nächstes Jahr sind Wahlen. Und dann möchte Brown am liebsten den Posten von Tony Blair übernehmen.

Der Budget Day stand wie schon im vergangenen Jahr im Schatten der Außenpolitik: erst der Irakkrieg, jetzt die Anschläge in Spanien. Die florierende Wirtschaft ist jedoch ein Trumpf von Labour. Auch wenn es Gordon Brown selbst noch nicht in die Herzen der britischen Wähler geschafft hat: Seine Finanzpolitik wird zumindest seiner Partei im nächsten Jahr dabei helfen. Auch davon kann Hans Eichel nur träumen.

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