Meinung : Ruder rum, Fahrt drosseln

Wer von einer großen Koalition regiert werden will, muss sie sich leisten können

Malte Lehming

Was die Deutschen am liebsten hätten, wäre ihr Verhängnis. Eine Mehrheit würde es begrüßen, von einer großen Koalition regiert zu werden. Wissen sie, was sie wollen? In bestimmten historischen Situationen mag ein breiter gesellschaftlicher Konsens gut tun. Eine große Koalition zwingt zum Kompromiss, beugt Polarisierungen vor. Doch sie ist auch ein Luxus, den ein Land sich leisten können muss. Können wir?

Im Prinzip sind fast alle reformbereit. Kinderlosigkeit, Staatsverschuldung, Pisa-Debakel, kaum Wirtschaftswachstum: In Deutschland muss etwas passieren. Fragt sich nur, was, wie viel und wie radikal. Aus solchen Zweifeln bezieht die Idee einer großen Koalition ihren Charme. Wäre das nicht prima: Wir hätten eine neue Regierung mit einem verlässlichen Korrektiv. Alles würde besser, doch der Sozialstaat bliebe unangetastet. Die neue Kapitänin steuerte das Schiff in die richtige Richtung, doch die Heizer im Kesselraum legten einfach nicht nach. Volldampf voraus? Nein. Ruder rum und Fahrt drosseln. Das reicht.

In der Mathematik ergibt Minus mal Minus ein Plus. In der Politik dagegen entsteht aus dem Zwangszusammenschluss zweier Nieten meist Mieses. An der Spitze einer großen Koalition stünde eine angeschlagene Kanzlerin. Falls Angela Merkel nicht die wahre Wende schafft, also Schwarz-Gelb ermöglicht, wäre sie die Verliererin der Wahl. Ein hämischer Chor würde angestimmt, auch in der Union. All ihre Widersacher und Neider, ob aus Hessen oder Bayern, stimmten ein. Und die Medien legten nach: kein klares Mandat, kein deutlicher Wählerauftrag, eine Wende, aber kein Richtungswechsel. Kann Merkel widersprechen? Sie müsste, der Spott wäre stärker.

Und die SPD? Sie wäre besiegt und würde triumphieren. Schaut an, man will uns noch! Frieden schaffen ohne Waffen, kein Sozialabbau, gleiche Chancen für alle: Vor allem das will Deutschland. So jedenfalls würde das Ergebnis von den Sozialdemokraten gedeutet. Bewegen könnten sie sich in einer großen Koalition ohnehin nicht. Denn links von ihnen lauert Oskar Lafontaine, der Totengräber ihrer Partei. Der interpretiert jede Reform als Verrat. Das verschafft ihm Popularität. CDU und SPD sind sich zum Verwechseln ähnlich, höhnen er und die Ultralinken. Und in dieser Konstellation hätten sie sogar Recht: Der Unterschied zwischen einer CDU, die hinkt, und einer SPD, die humpelt, wäre wahrlich nicht groß.

Jeder soll die Chance bekommen, sich selbst zu blamieren. Ob Union und FDP es besser können? Das weiß keiner. Ob Rot-Rot-Grün mit einem frischen Mandat einen Neuanfang wagen? Ausschließen soll man fairerweise ja nie etwas. Nur eines bleibe uns erspart: Jener lähmende Stillstand nach einem Regierungswechsel im Tandem Merkel-Müntefering! Das rechte Bein tritt aufs Pedal, das linke auf die Bremse: Wer das will, soll am 18. September zu Hause bleiben.

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