Meinung : Rudolf Scharping: Die teuerste Nacht seines Lebens

Christoph von Marschall

Liebe macht blind, sagt der Volksmund. Und hat damit die Vorlage für ein noch hübscheres Bonmot geliefert: Was heißt hier, Liebe mache blind? Der Liebende sieht mehr, als tatsächlich da ist.

Was aber gilt für Rudolf Scharping? Macht ihn die Liebe blind für die Irritationen, die seine Mallorca-Auftritte auslösen, blind auch für die politischen Folgen seines Verhaltens? Oder sieht er womöglich weiter als die Kritiker, die ihm Instinktlosigkeit vorwerfen, einen Verlust an Bodenhaftung und Selbstkontrolle? Jedes der jüngsten Skandälchen - von den Planschfotos auf Mallorca bis zur jüngsten Reiseaffäre - reicht zwar, für sich genommen, nicht aus, um die sich mehrenden Rücktrittsforderungen zu begründen. Aber die Summe, samt dem offenkundigen Mangel an Einsicht, vielleicht schon.

Womöglich lege Scharping es ja darauf an, herausgeschmissen zu werden, weil ein Leben nach der Politik ihm derzeit so lockend vorkomme wie permanente Flitterwochen, wollen die einen wissen; amtsmüde sei er. Die anderen spekulieren, Scharping kalkuliere in Wahrheit ganz kühl. Er wolle Gerhard Schröder vorführen, dass er als Verteidigungsminister angesichts des Kandidatenmangels in der SPD kaum zu ersetzen sei - damit der Kanzler das nötige Geld für die Bundeswehrreform herausrücke.

Das allgemeine Kopfschütteln über die Vermarktung seines Liebesurlaubs in der "Bunten" war für den Verteidigungsminister offenbar kein ausreichendes Warnsignal. Es hat ihn nicht klüger gemacht, sondern trotzig: Jetzt erst recht nach Mallorca, koste es was es wolle! Die Berater konnten dem Verteidigungsminister am Mittwoch zwar deutlich machen, dass es vielleicht nicht so gut ankomme, gleich nach der Sondersitzung des Bundestags zurück an den Pool zu fliegen, während Transportmaschinen deutsche Soldaten in einen gefährlichen Einsatz auf den Balkan bringen. So wurde die Idee eines Truppenbesuchs in Mazedonien gleich am nächsten Tag geboren.

Was den Minister aber nicht hinderte, einen noch gröberen Fehler zu begehen. Er ließ sich auf des Steuerzahlers Kosten mit dem Regierungs-Airbus für wenige Nachtstunden zu seiner Gräfin nach Mallorca bringen, obwohl er am nächsten Morgen die Dienstreise auf den Balkan antrat - mit seinem Generalinspekteur, der jedoch von Berlin aus aufbrechen musste. Ein teurer Spaß, diese tausende zusätzliche Flugkilometer.

Ein Ungeschick kommt selten allein: Die Maschine, mit der Scharping sich nach dem Truppenbesuch am Donnerstag vom Balkan wieder nach Mallorca bringen ließ für zwei, drei Tage Resturlaub, war eigentlich für die Heimkehr der Unionspolitiker Merz und Glos eingeplant; die mussten zwei Stunden auf Ersatz warten. Sachlich ist das kaum brisant, politisch doch. Die Opposition ist verärgert und verschärft die Tonlage bei den Rücktrittsforderungen.

Ja sicher, formal lässt sich das alles erklären, vielleicht sogar rechtfertigen. Scharping war im Urlaub, als er zur Sondersitzung nach Berlin musste. Und ebenso, als er einen weiteren Ferientag für den Truppenbesuch auf dem Balkan opferte. Da hat er Anspruch darauf, hin- und zurückgeflogen zu werden. Verständlich ist auch, dass Minister beim Zugriff auf die Flugbereitschaft im Zweifel Vorrang vor der Opposition haben.

Aber ist das auch den Bürgern zu vermitteln, die nicht auf bürokratische Richtlinien achten, sondern auf den Augenschein? Für eine Nacht nach Mallorca, obwohl Scharping am nächsten Morgen auf den Balkan will - das lässt sich schwerlich als Rückkehr in den Urlaub bezeichnen.

Was auch immer die Liebe mit Rudolf Scharping anstellt - weitsichtig hat sie ihn nicht gemacht. Wohl eher blind. Ganz sicher hat sie ihn politisch geschwächt. In den eigenen Reihen, auch beim Kanzler, findet er kein Verständnis mehr, Union und FDP fordern seinen Rücktritt. Was wird dieser Minister politisch noch durchsetzen können?

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