Rückgabeforderungen : Das Rätsel der Sphinx

Erst die Nofretete, nun eine hethitische Sphinx: Wissenschaft und Politik werden sich daran gewöhnen müssen, immer häufiger mit Herausgabeforderungen konfrontiert zu werden.

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Seit jeher stehen die antiken Ausstellungsstücke auf der Museumsinsel obenan in der Berliner Besucherstatistik. Ein Berlin-Besuch ohne Pergamon-Museum oder gar Nofretete? Undenkbar. Erst recht undenkbar ist die Verschickung der rätselhaften Königin an ihren ägyptischen Herkunftsort.

Doch Geschichte und Politik lehren, auch das Undenkbare zu denken. Die Rechtmäßigkeit der Berliner Anwesenheit Nofretetes, der Spree-Athen zur eigentlichen Heimat geworden ist, steht außer Frage, mag auch Ägyptens lautstarker Altertümer-Chef Zahi Hawass die Fundteilung von 1913 immer wieder anzweifeln. Immerhin ist es vor allem ihm gelungen, das Wort „Rückgabe“ fest im Sprachgebrauch zu verankern, als ob von vorneherein feststünde, dass etwas unrechtmäßig entwendet worden sei. Darin besteht der entscheidende Unterschied zu den in Russland festgehaltenen Schätzen deutscher Museen. Sie kamen als „Trophäenkunst“ der Roten Armee ins Land, nicht als Ergebnis vertraglicher Abmachungen wie bei den antiken Funden.

Von „Rückgabe“ ist auch bei der jüngsten Forderung die Rede. Diesmal ist es die Türkei, die eine hethitische Sphinx reklamiert, ein Werk so alt wie Nofretete. Die juristischen Feinheiten dieser ebenfalls ein Jahrhundert zurückliegenden Fundsache deutscher Archäologen einmal beiseite gelassen, werden sich Wissenschaft und Politik daran gewöhnen müssen, immer häufiger mit Herausgabeforderungen konfrontiert zu werden. Was unter den osmanischen Sultanen, den Verbündeten des wilhelminischen Kaiserreichs, rechtens war und die Obrigkeit nur am Rande interessierte, ist längst zum Zankapfel nationaler Identitätsbildung geworden. Die Staaten des Orients, so sehr sie auch im Alltag islamisch geprägt sind, besinnen sich auf ihre ältere Geschichte. Aus diesen Vergangenheiten aber rühren die archäologischen Fundstücke, die die Museen Europas zieren, von Berlin über Paris bis London. Die wissenschaftliche Archäologie ist eine Frucht der europäischen Aufklärung, sie begann als „Rettung“ der Antike vor deren endgültiger Zerstörung durch Unwissenheit und Glaubensfanatismus.

Die Erforschung der Alten Welt seit den Tagen Napoleons gehört zum europäischen Kulturerbe so gut, wie die Ausgrabungsstücke Teil der Geschichte ihrer Fundorte sind. Es ist keine disparate, sondern eine gemeinsame Geschichte. Die Fundteilungen, die einstmals kollegial vonstatten gingen, markieren diese Gemeinsamkeit eindrücklich. Die Grabungen der Wissenschaft haben nichts gemein mit den Räubereien jüngerer Zeit, denen verblendete Kuratoren nicht nur am kalifornischen Getty-Museum aufgesessen sind. Wer die seriöse Archäologie mit populistischen Forderungen auf „Rückgabe“ in die Nähe krimineller Machenschaften rückt, zerstört den Grundkonsens der Wissenschaft: dass die Erforschung des Unbekannten ein Wert an sich ist, und dass Wissenschaft, mag auch ihr unmittelbarer Nutzen nicht immer erkennbar sein, die Grundlage bildet für die Gestaltung unserer Zukunft.

Mit der Türkei, heißt es, werde nach „konstruktiven Wegen“ im Fall der Hethiter-Sphinx gesucht. „Konstruktiv“ kann dabei nur heißen, die Leistungen der Wissenschaft anzuerkennen und ihre Fortführung zu ermöglichen. Ohne die Archäologie wüssten die heute so fordernd auftretenden Staaten nicht, woher sie kommen und welchen Weg sie gegangen sind.

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