Meinung : Rückkehr der Weisen von Zion

Auf der Buchmesse zeigte sich die arabische Welt auch antisemitisch Von Jochen Müller

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Die Juden sind die Mörder der Propheten und der größte Feind der Menschheit.“ Oder: „Die Religion der Juden fordert die Vernichtung aller anderen Völker.“ Derlei Behauptungen erfüllen nach deutschem Recht den Tatbestand der Volksverhetzung und sollten strafrechtlich verfolgt werden. Nicht so in Frankfurt: Dort wurden der Öffentlichkeit in der vergangenen Woche gleich eine ganze Reihe Bücher mit diesen und anderen antisemitischen Inhalten präsentiert – und zwar unter dem Dach der weltweit größten Bücherschau. Manchen der ausgestellten Werke war ihr Inhalt schon von außen anzusehen – wenn etwa das Cover eines Buchs über „Terror und Gewalt im zionistischen Denken“ einen mit Totenköpfen verzierten und blutüberströmten Davidstern zeigt oder derselbe auf einem Bild der zusammenstürzenden Türme in New York durch die Explosionswolke schimmert.

Meist aber ging der ausgestellte Hass auf die Juden im Allgemeinen und den Staat Israel im Besonderen erst aus den – natürlich arabischen – Titeln oder Vorworten der einschlägigen Bücher hervor. Hier erörterte dann etwa die ägyptische Dozentin Huda Darwisch am Beispiel der jüdischtürkischen Beziehungen, wie die Juden in den Staaten, in denen sie leben, schon immer nur ihre eigenen Interessen verfolgt hätten. In einem anderen in Libanon verlegten Band verfolgt der Autor die von ihm so genannte „Militärgeschichte des israelischen Volkes“ und erklärt, dass die Wurzeln von „Militärideologie“ und des „zionistischen Terrors gegen die Araber“ in der jüdischen Religion zu finden seien. Und als eine der Grundlagen des Judentums und seines Strebens nach Weltherrschaft nennt Gabar al Halul in seinem 2004 in Beirut erschienenen Band unter dem Titel „Grundlagen des Verhaltens der Juden“ neben Thora und Talmud dann auch die notorischen „Protokolle der Weisen von Zion“ als Schlüssel für die Analyse des „jüdischen Charakters“.

Eine Krone hatte dem Ganzen aber schon die Eröffnungszeremonie aufgesetzt: Dort sprach neben Gerhard Schröder und anderen auch Mohammad al Salmawy. Der ist nicht nur Privatsekretär von Nagib Mahfus, dessen Grußwort er vortrug, sondern auch bekannt als Verteidiger von Holocaustleugnern wie Roger Garaudy und David Irving. Er schrieb ein Buch, in dem er mit der palästinensischen Selbstmordattentäterin Wafa Idris sympathisiert und in einem Beitrag für die ägyptische „Al Ahram“ führte er unter dem Titel „Suche die Juden“ die Lewinsky-Affäre auf jüdische Machenschaften gegen die Israelpolitik von US-Präsident Clinton zurück.

All dies blieb weitgehend unbemerkt und unbeanstandet. Nur Schlamperei oder war es doch eher das Prinzip „Augen zu und durch“, nach dem Politik und Messeleitung hier agiert haben? Zu sehr stand offensichtlich das Bedürfnis nach Harmonie im Vordergrund des propagierten Dialogs mit der arabischen Welt. Diese Harmonie zeigte sich dann tatsächlich in der einhellig und teils sogar in ungewohnter Schärfe formulierten Kritik an den Regimen im Mittleren Osten. Die nämlich seien verantwortlich für die Misere der arabischen Welt. Einig war man sich überdies in der Verurteilung des Terrorismus und der marginalen Rolle der Frau in den arabischen Gesellschaften. Alles ohne Zweifel wichtige Positionen, denen die Buchmesse ein bedeutendes Forum geboten hat. Dennoch kam der Dialog meist kaum über eine in weitenTeilen schon wohlfeil gewordene und zum guten Ton gehörende Kritik hinaus.

Wunde Punkte wie der in der arabischen Welt weit verbreitete und sich eben auch in Frankfurt niederschlagende Antisemitismus, der arabische Nationalismus oder die Rolle Israels in der Region blieben ausgespart. Was aber ist das für ein Dialog, in dem beinahe ängstlich jeder Disput und jegliche schärfere Kritik am Gegenüber vermieden wird? Ähnliche Leerstellen sind ja bereits aus der Auseinandersetzung mit dem Regime in Iran bekannt. Und auch in Frankfurt war wohl eigentlich mit der Wahl der Arabischen Liga als Repräsentantin der arabischen Staaten schon klar, dass hier nicht mit dem Auftreten besonders vieler Autoren, Autorinnen und politischer Intellektueller zu rechnen war, die in ihren Gesellschaften tatsächlich gegen den Strom schwimmen. Da blieb dann offenbar nur noch „Augen zu und durch“.

Der Autor ist Islamwissenschafter und Leiter des Berliner Büros des Middle East Media Research Institute (MEMRI).

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