Rücktritt : Lafontaine: Bei allem Respekt

Unbestreitbar ist er ein großer Name der Politik. Er ist ausgestattet mit strategischem Blick und demagogischem Furor, mit rhetorischer Begabung. Er ist einer, der Politikentwürfe entwickeln und vermitteln kann, für die viele sich begeistern. Erst in der SPD, dann in der Linken. Das sagen selbst seine Gegner, jedenfalls die, die sich intellektuell mit ihm messen können.

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Vorbei der Traum, sein Traum von einer vereinigten Linken, von einem deutschen Olivenbaum, einem Bündnis, wie es kurz Italien regierte. Einem Bündnis unter seiner Führung, das womöglich zur wirklichen, machtvollen Vereinigung aller linken Parteien führen würde. Zumindest aber zur Wiedervereinigung mit der SPD. Das wäre dann seine Wiedervereinigung gewesen und er ihr Architekt. So hatte er sich das vorgestellt, in seinen kühnsten Träumen. Und nun bleibt er im Saarland. Oppositionsführer! Eine Ironie des Schicksals, das Oskar Lafontaine manchmal auch bitter mitgespielt hat.

Unbestreitbar ist er ein großer Name der Politik. Er ist ausgestattet mit strategischem Blick und demagogischem Furor, mit rhetorischer Begabung. Er ist einer, der Politikentwürfe entwickeln und vermitteln kann, für die viele sich begeistern. Erst in der SPD, dann in der Linken. Das sagen selbst seine Gegner, jedenfalls die, die sich intellektuell mit ihm messen können. Sie versagten ihm den Respekt dafür nie. Er macht ja auch fast 30 Jahre Politik in Verantwortung, auf hohen und höchsten Posten, hat Jahrzehnte regiert.

In den zurückliegenden Jahren aber hat Lafontaine eine der herausragenden politischen Leistungen Deutschlands vollbracht: Er hat eine neue Partei gemacht und etabliert. Und zwar mit ebender Ausdauer, die er immer hatte und die ihm zugleich immer bestritten worden ist. Darin liegt denn auch die Bedeutung und die persönliche Tragik, die sein Abschied von der Bundesbühne hat.

Die Partei „Die Linke“ ist ein durch personale und persönliche Autorität mühselig zusammengehaltenes Konstrukt. Die Politiker im Osten, die Jungen von der alten PDS, sind Pragmatiker, Realsozialdemokraten. Bei ihnen regiert, mehr oder weniger, Vernunft. Unter den anderen, denen im Westen von der WASG, sind nicht selten Sektierer, Spintisierer, Fundamentalsozialisten. So wächst nicht zusammen, was zusammengehört – das hat erst Lafontaine zusammengezwungen. Monumental frontal.

Deswegen droht jetzt auch der Linken der Zerfall, genauer der Partei Die Linke. Zwei Politiker auf der Linken haben es schon geahnt, vor diesem Sonnabend: SPD-Chef Sigmar Gabriel und Linken-Fraktionschef Gregor Gysi. Der eine, Gysi, droht nun einen Teil seines Lebenswerks zu verlieren. Wie hat er sich geschunden für Lafontaine, ihm den klugen Narren gemacht, damit der herrschen konnte; darum hampelte und alberte Gysi gestern auch so traurig bei der offiziellen Erklärung. Der andere, Gabriel, wittert die Chance seines Lebens. Wenn es ihm gelänge, den Keil zwischen PDS und WASG tiefer hineinzutreiben – dann bekäme die SPD womöglich doch noch „ihr Blut zurück“, wie es Egon Bahr einmal mit Blick auf die stolze Geschichte der Sozialdemokratie gefordert hat. Und deshalb erklärte Gabriel die NRW-Linken für nicht regierungsfähige Verrückte.

„Dahemm“ bleibt er nun, der Oskar, den sie an der Saar hasslieben. Die Krankheit zwingt ihn, obwohl das unvorstellbar erschien. Als er die SPD verließ, und jetzt, da er die Linke weitgehend sich selbst überlässt – mit jedem seiner Rückzüge ins Saarland verhielt es sich so: Immer müssen die Parteien, die ihm nahezu bedingungslos gefolgt sind, sehen, wo sie bleiben, wie sie ohne ihn zurechtkommen. Zurück bleibt Unvollendetes, manche werde sagen Ruinen. Oskar Lafontaine hat sich dennoch Respekt verdient.

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