Rücktritt : Margot Käßmann: Ein Mensch

Margot Käßmann zeigt selbst Größe im Fall. Sie ist gerecht mit sich, statt selbstgerecht. Schneller, radikaler und ehrlicher als jeder skandalumringte Politiker, Unternehmer oder Bankmanager zieht sie die Konsequenz aus einem gravierenden Fehltritt.

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Sie ist doch auch nur ein Mensch. Über wenige Würdenträger ist dieser Satz so oft zu hören gewesen wie über Margot Käßmann. Stets lag darin ein Akt der verzeihenden Eingemeindung der Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden in das irdische Reich der Fehlbarkeiten. Durch ihre Schwächen und mehr noch die offene Art, damit umzugehen, rückte sie den Menschen nahe. Sympathisch, bodenständig, unprätentiös entwickelte sie sich zum Gegenteil des Negativimages der Kirche, also von verstockt, arrogant, weltfremd. Ob Brustkrebserkrankung, Scheidung, das langsame Altern einer Frau in den Vierzigern: Die Kraft, mit der Käßmann ihr Leben und die Brüche darin nicht nur meisterte, sondern auch mit der Öffentlichkeit teilte, ließ auf einen Wesenskern schließen, der durch eine höhere Kraft bei sich war. Jetzt trat sie von allen kirchlichen Führungsämtern zurück. Eine nächtliche Autofahrt unter starkem Alkoholeinfluss hat diese einzigartige Karriere beendet.

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Sie ist doch auch nur ein Mensch. Aber was heißt „nur“? Immerhin, sie ist ein Mensch. Und das Menschsein erschöpft sich nicht in allzu menschlichen Fehlbarkeiten, sondern umfasst auch die Übernahme von Verantwortung, im Privaten wie im Beruflichen. Käßmann wurde im Oktober vergangenen Jahres in das oberste Amt gewählt, das die deutsche protestantische Kirche zu vergeben hat. Im Kirchengesetz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche wird die vorbildhafte Amts- und Lebensführung jedes Ordinierten betont. Unter massivem Alkoholeinfluss am Steuer eines schweren Wagens die Sicherheit anderer Menschen zu gefährden, ist kein Kavaliersdelikt, sondern, ja doch, eine Sünde. Nur das Glück hat verhindert, dass Margot Käßmann in jener Nacht noch schwerere Schuld auf sich lud. Und: Wie hätte sie künftig weiter glaubwürdig das Leid von Zivilisten etwa im Afghanistankrieg beklagen können, wenn sie es selbst durch eigene Unmäßigkeit im Straßenverkehr in Kauf nimmt?

Der Himmel freut sich mehr über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Aber der Person Käßmann zu vergeben, heißt nicht, schon die Frage nach ihrer Eignung für das Amt beantwortet zu haben. Diese Antwort hat sie jetzt selbst gegeben. Sie sah ein, dass derart beschädigt im Amt zu bleiben, das Amt beschädigt hätte. Und erneut zeigt sie Größe im Fall. Sie ist gerecht mit sich, statt selbstgerecht. Schneller, radikaler und ehrlicher als jeder skandalumringte Politiker, Unternehmer oder Bankmanager zieht sie die Konsequenz aus einem gravierenden Fehltritt. Dadurch restauriert sie in gewisser Weise ebenjene besondere Vorbildfunktion einer Geistlichen, die ihr persönlich zum Verhängnis geworden war. Das verlangt hohen Respekt.

Für die Vertretung der Protestanten in Deutschland war dies dennoch ein tragischer und schwarzer Tag. Nach Wolfgang Huber und Margot Käßmann wird es schwer, jemanden für ihr Spitzenamt zu finden, der von Anfang an ähnlich publikumskompatibel ist, wie sie es waren. Engagement, Streit, Leidenschaft: Auf diese Charakteristika lässt sich nicht lange verzichten. Aber vielleicht muss einem solchen Donnerschlag zunächst eine Zeit der geistlichen Besinnung auf den zentralen Auftrag der Kirche folgen, die Verkündigung des Wortes. Bescheidenheit, ein bisschen Ruhe, Aufbau von neuem Vertrauen und Rückgewinnung von gesellschaftlichem Profil – das ist die Reihenfolge der Prioritäten. Auch Christen sind doch nur Menschen.

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