Rückzug Bread & Butter : Berlin in Zukunft: Außer Mode?

Das Gezerre um die Modemesse Bread & Butter in Berlin zeigt: Die Stadt, die Musterbeispiel sein will für urbane Zukunft und utopische Ideen, blamiert sich zuweilen gerade da. Das gilt besonders auch für Klaus Wowereit.

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Mekka der kreativen Klasse. Die Modemesse Bread & Butter.
Mekka der kreativen Klasse. Die Modemesse Bread & Butter.Foto: dpa

Die Modemesse Bread & Butter nach Tempelhof und damit zurück nach Berlin zu holen, war ein Coup von Klaus Wowereit: ausgedacht, eingetütet, alle überrascht – fertig. Während die CDU noch kleinkariert mäkelte, wurde aus den coolen Klamotten der nächsten Saison eine heiße Sache – für den Messemacher Karl-Heinz Müller, aber auch für Berlin und Wowereit. Es passte ihm nur zu gut, was da passierte. Im Sog der Urban-Streetwear-Messe flog die Modewelt auf eine Stadt, die zwischen Nazibauten und Mauerresten ein Hedonistenparadies mit anarchischem Flair gegründet hatte und damit genau den richtigen Hipnessfaktor für den Look von morgen bot. Und Wowereit war immer dabei, im Anzug zwar, aber als glaubwürdig erscheinender Botschafter der schwer angesagten Stadt Berlin, dem „Mekka der kreativen Klasse“.

Nur ist der Kreative eben recht schnell gelangweilt, und Geschäfte machen will er auch noch. Da wird’s dann lästig.

Bei der Bread & Butter zeichnet sich schon länger ab, dass Veränderungen notwendig werden. Der Ort, je öfter genutzt, desto weniger reizvoll, konnte die Strukturveränderungen im Markt nicht mehr ausgleichen, immer mehr Aussteller blieben fern. Dass so etwas geschieht, ist, einerseits, im Geschäftsleben normal. Es ist aber auch, andererseits, ein Zeichen dafür, dass Berlin selbst viel normaler ist, als manche behaupten.

Nach 100 Tagen der rot-schwarzen Koalition schrieb Björn Böhning, Chef der Senatskanzlei, verärgert über frühe Kritik, Berlin habe sich zur Kreativmetropole der Welt entwickelt, der Vorwurf der Visionslosigkeit sei absurd. Wowereit mache aus Berlin ein „Musterbeispiel für urbane Zukunftslösungen“ und sei offen für Menschen mit utopischen Ideen.

Es fehlt an einer Vision

Nach bald 1000 Tagen lässt sich sagen: Das ist eine utopische Idee geblieben. Die IHK schreibt in ihrer Senatshalbzeitbilanz: Es herrscht Klein-Klein, es fehlt an Mut – und an einer Vision. Die amerikanischen Professoren Quinn Slobodian und Michelle Sterling kommen im Magazin „The Baffler“ zu der Erkenntnis: Die „kreative Klasse“ wird in Berlin missbraucht, als kostengünstiger, imagebildender Hintergrund für das Geschäft einiger weniger; die Stadt selbst bleibt dabei auf der Strecke. Beides wirkt übertrieben, und rührt doch an einen wunden Punkt: Die Politik hält Berlin offenbar für ein Art Perpetuum mobile, kleiner Schubs genügt. Nur so ist zu erklären, dass die landeseigene Messe der Bread & Butter bei deren eigener Show dreist die Kunden abjagen durfte. Berlin riskiert in Tempelhof Müllers Reste-Rampe.

Den großen Worten folgen oft widersprüchliche Taten – und manchmal keine. Die Stadt, die Musterbeispiel sein will für urbane Zukunft und utopische Ideen, blamiert sich zuweilen gerade da. Im vergangenen Jahr war, zum ersten Mal wieder seit 1999, ein Berliner Projektentwickler in Cannes bei der weltwichtigsten Immobilienmesse Mipim für einen Preis nominiert, in der Kategorie „Best Futura Project“, es sind die Oscars der Branche.

Londons Bürgermeister Boris Johnson kam zur Verleihungszeremonie, mit großer Entourage, wie viele andere auch. Die Galaplätze, die für Politikprominenz aus Berlin vorgesehen waren, mussten mit Statisten besetzt werden, damit es nicht so erbärmlich aussah.

Auf einer Tour durch Berliner Start-ups trug Wowereit einst einen Schal mit der Aufschrift: „Am schönsten sind Erinnerungen, die man noch vor sich hat.“ Manchmal hat man es aber auch hinter sich, bevor man es merkt.

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