Russland und der Nordpol : Vereiste Trikolore

Wladimir Putin hat mit dem Nordpol-Coup die Welt verblüfft - doch hinter dem Spektakel steckt nur ein Ablenkungsmanöver.

Sebastian Bickerich

Vor den Propagandafähigkeiten Wladimir Putins kann man nur den Hut ziehen: Der Coup mit der Russenflagge aus Titan auf dem Boden des Nordpols – was für ein Spektakel! Glaubt man einigen Geostrategen und Arktisexperten, stehe nun ein kalter Krieg am Nordpol bevor, gehe es doch um Bodenschätze und die sagenumwobene Nordwestpassage, die in einigen Jahrzehnten eisfrei werden soll. Vieles spricht indes dafür, dass der weiß-blau-roten Flagge in 4000 Meter Tiefe ein ähnliches Schicksal widerfahren wird wie den US-Flaggen auf dem Mond: Mit der Zeit bleichen sie aus, und nach ein paar Jahren glauben immer mehr an einen PR-Trick aus dem Studio. Putin weiß genau, dass seine Ansprüche auf den Lomonossowrücken nach der UN-Seerechtskonvention (die Russland ratifiziert hat, die USA übrigens nicht) kaum zu halten sein werden. Die Flaggenshow hatte andere Zwecke: Zum einen bereitet sie das Feld für den Nachfolger Putins, der – ob Medwedew oder Iwanow – wohl aus seiner Regierungsmannschaft kommen wird und damit nationale Handlungsfähigkeit vortäuschen kann. Zum anderen lenken die Bilder aus der Tiefsee von einem für Putin und für Europa viel drängenderen Problem ab: der Gaskrise mit Weißrussland, die trotz Teileinigung noch immer nicht endgültig ausgestanden ist.

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