Meinung : …Russland

Elke Windisch

über einen Wiedergänger des Wunderheilers Rasputin Tote wiederauferstehen zu lassen, ist ein Hochrisiko-Unternehmen, an dem sich schon die Götter der Antike des Öfteren verhoben. Grigorij Grabowoj ficht das nicht. Schon im August versprach er den Müttern aus Beslan, Kinder, die bei dem Geiseldrama im September letzten Jahres starben, ins Leben zurückzurufen – bis spätestens 15. Oktober. Russlands Öffentlichkeit, die sich seit Tagen über den Fall das Maul zerreißt, tippt auf einen Wiedergänger von Wunderheiler Rasputin, der auf den gleichen Vornamen hörte. Grabowoj selbst, Guru einer Sekte mit inzwischen mehreren tausend Jüngern, verkauft sich allerdings als Reinkarnation Jesu. „Wenn die Menschen wissen, dass ICH der erneut zur Erde niedergefahrene Erlöser bin, können sie sich und ihre Seelen retten, indem sie auf das Wissen zurückgreifen, das ICH ihnen biete“, verspricht er auf seiner Website.

Grabowoj, so eine der Mütter, habe ihnen erklärt, die Terroristen seien das Werkzeug Gottes gewesen. Er hätte die Kinder zu Opfern bestimmt, mit denen die Sünden der ganzen Welt gesühnt werden sollten. Ihre Seelen seien jedoch noch rein und unbefleckt, daher könne er sie wieder ins Leben rufen. Dazu müsse ein „Raum der Liebe“ geschaffen werden, in dem seine, Grabowojs, Kräfte wirken könnten. Um ihn zu markieren, bekamen die Beslaner Frauen Aufkleber mit, die wie Strichcodes aussehen und auf der Rückseite Runen haben. Je mehr Menschen an ihn glaubten, desto größer würde der „Raum der Liebe“ und damit die Chance auf Rückkehr der toten Kinder.

Ausgerechnet dem streng materialistisch erzogenen homo sovieticus, so die „Iswestija“ sei der Glaube an Wunder offenbar nicht auszutreiben. Jene Mütter allerdings, die dem Hochstapler nicht aufsaßen, vermuten, Grabowoj sei vom Geheimdienst in die Spur geschickt worden, um sie zu diskreditieren. Denn das Komitee der „Mütter von Beslan“ fordert schonungslose Aufklärung der Tragödie, womit sich die Macht schwer tut. Vor allem das Wort „Geheimdienste“ schreckte wohl auch die Staatsanwälte auf, die sich erst seit dem offenen Brief der Frauen für Grigorij Grabowoj interessieren.

Zum Entsetzen seiner neuen Anhängerinnen. Ohne Grabowoj würden ihre Kinder kaum nach Hause finden, sollte es Gott gefallen, sie am anderen Ende der Welt wieder ins Leben rufen. Vor allem aber: Wird der Guru verhaftet, ist der Termin für das Wunder von Beslan akut gefährdet: Russische Knäste sind kein „Raum der Liebe“.

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