Meinung : …Russland

Elke Windisch

erklärt, warum den Russen trotz neuem Feiertag nicht zum Feiern zumute ist. Ein festlich gedeckter Tisch, auf dem nichts fehlt, was in der sowjetischen Mangelwirtschaft nur durch Beziehungen zu haben war: Sekt, Kaviar – wenigstens roter – und harte Wurst. Dazu tiefsinnige Trinksprüche, an denen die Autoren lange gefeilt haben. So feiert Russland Feste, familiäre und Staatsfeiertage. Bisher auch den 7. November, den Tag der Oktoberrevolution, obwohl der historische Anlass bei vielen längst vergessen ist. Nun ist Schluss mit lustig. Ende letzten Jahres schaffte die Duma auf Initiative des Kremls den Revolutionsfeiertag ab und lässt die Nation dafür am 4. November blaumachen. Zum Verdruss der Massen, die mit dem „Tag der nationalen Einheit“ nichts anzufangen wissen.

Dessen Anlass war den meisten bis dato nahezu unbekannt und liegt fast 400 Jahre zurück. Glaubt man der offiziellen Geschichtsschreibung, wurden Polen und Litauer, die das durch Thronwirren geschwächte Großfürstentum Moskau besetzt hatten, am 4. November 1612 von den Hauptstädtern aus dem Kreml verjagt. Manche halten die Heldensage allerdings für frei erfunden, andere behaupten, die Invasoren seien erst am 7. November vertrieben worden: dem späteren Jahrestag der sozialistischen Revolution, die Putin, wie sich KP-Chef Gennadij Sjuganow aufplusterte, aus dem „kollektiven Gedächtnis“ tilgen will. Zwar ziehen Kritiker immer wieder Parallelen zwischen Sowjetära und Putins Reich. Doch abgesehen von der Musik der alten Sowjethymne, die jetzt mit neuem großrussischen Text gesungen wird, will der Kreml wenigstens die Symbolik der roten Kommissare entsorgen und die tief gespaltene Gesellschaft auf der Grundlage stockkonservativer Werte aus der Zeit des zaristischen Imperiums konsolidieren.

Nichts scheint dazu weniger angetan als der neue Feiertag. Sogar bei Radio „Echo Moskwy“, dem Spartensender demokratischer Intellektueller, wollten bei einer interaktiven Abstimmung immerhin 89 Prozent der über 6000 Anrufer den 7. November als Feiertag wiederhaben. Erneut gilt offenbar ein geflügeltes Wort von Expremier Viktor Tschernomyrdin: Wir haben das Beste gewollt und herausgekommen ist, was bei uns stets dabei herauskommt. Die Provinz – allen voran der Nordkaukasus und andere Regionen nichtrussischer Minderheiten, die dem Imperium nicht ganz freiwillig beigetreten wurden – lästert über das Eigentor und gönnt den ungeliebten Moskowitern den historischen Denkzettel der polnischen Pans von Herzen. Die rechte Szene beging das Jubiläum am Freitag auf ihre Weise: Mit einem Gedenkmarsch gegen die „fremdvölkische Okkupation“ des heutigen Russlands.

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