Meinung : …Russland

Elke Windisch

Den kleinen Nikita kennt nun jeder in Moskau, ach was, in ganz Russland. Dabei ist der Knirps erst fünf, hat aber womöglich den Höhepunkt seines Lebens bereits hinter sich. Es begab sich nämlich dieser Tage, dass der Herr des Kremls seinen Arbeitsplatz zu Fuß aufsuchte. Und da kreuzte Nikita seinen Weg. Mit Mama und Papa, die Vladimir Putin leutselig in ein Gespräch verwickelte. Zum Abschied beugte er sich zu Nikita herab, hob dessen T-Shirt hoch und drückte ihm einen Kuss auf den Bauchnabel. Seither rätselt die Nation: Was wollte Putin uns damit sagen?

Nichts, wie bei dessen Online-Bürgersprechstunde am Donnerstagabend herauskam. Leicht verlegen antwortete der Präsident auf die Bauchnabelfrage, die mehrere tausend Net-Surfer gestellt hatten, der Kleine sei so süß gewesen, er habe ihn wie ein Kätzchen geknuddelt und dabei seinen Gefühlen freien Lauf gelassen. Doch Gefühle, noch dazu frei laufende, hatte bei dem sonst eher zugeknöpften Putin bisher niemand vermutet. Noch weniger, dass er sich zu ihnen bekennt. Psychoanalytiker und Polittechnologen erklärten das Phänomen mit Wahlkampftaktik. Russlands Internet-Community sei etwa 25 Jahre jung und politisch desinteressiert. Um sie an die Urnen zu locken, müsse Putin deren Sprache sprechen.

Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn der Internet-Auftritt ist nur eine Facette der Charme-Offensive, mit der Putin kurz vor dem G-8-Gipfel am kommenden Wochenende versucht, den durch interne Demokratiedefizite und eine neoimperiale Außenpolitik ramponierten Ruf seines Landes international aufzupäppeln. Das Beste ist ihm dazu gerade gut genug: er selbst. Menschenrechtler adelte er am Dienstag zu „Gleichgesinnten“, am Vortag beeindruckte der Neuchrist den Gipfel der Weltreligionen mit profunder Kenntnis der Heiligen Schrift. In der Mediengesellschaft, fanden seine Berater, komme es nicht mehr darauf an, „wie ein Land wirklich ist, sondern wie es wahrgenommen wird“. Ob die Ein-Mann-Show funktioniert und der Westen mitspielt, ist egal. „Wir“, wurde Putin mehrfach zitiert, „dürfen uns nicht länger auf die Stiefel spucken lassen.“

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