Meinung : S- wie Sommer-, Schleich- oder Schei...-Bahn

Berichterstattung über das S-Bahn-Chaos

Seit gefühlt ewigen Zeiten berichten Sie über unsere (denn sie gehört uns „Bürgern“) S-Bahn. Ihre Urteile können zu Recht nicht vernichtender ausfallen.

Nur, so scheint mir, ist die Schuldfrage für dieses Desaster nicht endgültig geklärt. Vielleicht hilft da der Hinweis auf die Abwrackprämie. Keine zwei Jahre her, ist sie schon wieder in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht – zeigt sie doch die Priorität unserer Verkehrspolitk! Als es der Autoindustrie (und der Zulieferindustrie) schlecht ging, wurden im Handstreich Milliarden lockergemacht – vom Bund, dem politisch Verantwortlichen der Bahn. Dieser politisch Verantwortliche hat die Bahn zu einem Sparkurs wegen des Börsengangs gezwungen, deren Auswirkungen wir hier in Berlin zu ertragen haben. Und diesen politisch Verantwortlichen sollen wir jetzt eine Lösung der Verkehrsproblemen zutrauen. Das ist etwas zu viel verlangt, denn sie sind verantwortlich für diese Katastrophe! In diesem „Autoland“ gibt es keine Lobby für einen guten Nahverkehr, denn die Politik hat sich in den letzten Jahrzehnten völlig der Autoindustrie unterworfen.

Detlef Motl, Berlin-Kreuzberg

Die Berichterstattung zum S-Bahnverkehr gipfelt in dieser Glosse vom 6. Januar. Danke für die Zusammenstellung schaumschlagender Worte! Unserer Senatorin müsste es ob all ihrer fruchtlosen Aufschreie schon die Sprache verschlagen haben. Aber so ist das mit dem Senat und seinem Regierenden Bürgermeister, tatsächliche Inhalte gibt es nicht (mehr). Was kommt dabei heraus? Mehr als eine „Spar-Strafe“ kann der Senat nicht verhängen – dieser sparte in den zurückliegenden Jahren so ungefähr 50 Millionen Euro pro Jahr – auf Kosten der Bahn. Je länger der Senat das durchhält, umso mehr Geld kann Berlin sparen! Also weiter so? Anstatt das Geld zweckgebunden in die Beschaffung neuer S-Bahn-Wagen zu stecken, spielte der Senat 2010 Krösus und spendierte den Bezirken erkleckliche, nicht etatisierte Finanzmittel zur Flickschusterei an den Straßen. Also weiter so? Diese Gießkanne soll übertünchen, dass viele Jahre (nicht nur, sondern auch die Deutsche Bundesbahn an der Berliner S-Bahn) Berlin an seinen Straßen munter Raubbau durch Nichtstun getrieben hat (nebenbei: das Verhältnis der Straßenqualität von Warschau und Berlin hat sich in den letzten 15 Jahren ins Gegenteil verkehrt, heute fährt man dort trotz kälterer und längerer Winter ohne Schlaglochoffenbarungen besser als hier). Strafe gibt’s für alle S-Bahn fahrenden Bürger reichlich, man freut sich schon über die Wiedereinführung des „Notfahrplanes“ mit 300 Viertelzügen. Ehe man beschließt, der Deutschen Bahn den S-Bahn-Betrieb abzukaufen, sollte die Berliner Regierung den Beweis antreten, dass die BVG damit nicht überfordert wird. Die dann zuständige Senatorin könnte sich die bislang in Nichtverantwortung abgegebenen, wichtigtuerischen Kommentare ersparen. Auch dieses Sparen wäre sozusagen kostenlos, aber nicht die dann vom Land Berlin zu tragenden Kosten zur „nachhaltigen“ Sanierung der S-Bahn. Der bisher an die Bahn gezahlte Zuschuss würde kaum dafür ausreichen.

Prof. Dr. med. Rolf Baß,

Berlin-Tempelhof

Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass der Deutsche-Bahn-Konzern sich durch das S-Bahn-Chaos der letzten 18 Monate auch international der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Wie soll denn eine Wirtschaftsnation wie Deutschland noch glaubhaft Hightech-Produkte des Schienenverkehrs auf dem Weltmarkt anbieten können, wenn man hierzulande nicht einmal in der Lage zu sein scheint, eine profane „Bimmelbahn“ auf die Strecke zu schicken, die vor 80 Jahren wesentlich zuverlässiger funktioniert hat? Es kann nicht funktionieren, wenn ein Staatsunternehmen, geführt von hochbezahlten Managern, ein wenig „freie Wirtschaft“ spielen darf, ohne den knallharten Sanktionen eines „echten Marktes“ ausgesetzt zu sein und dabei auch noch mit den verantwortlichen Politkern/innen erfolgreich „Kasperletheater“ spielen darf, bei denen die stundenlang bei Minusgraden wartenden Fahrgäste unfreiwillig den „Seppl“ geben müssen."

Dr. Dr. Christian Schulte,

Berlin-Frohnau

Beamte legen einen Diensteid ab, Soldaten ein Gelöbnis, Sekretärinnen stehen in einem „besonderen Treueverhältnis“ zu ihrem Arbeitgeber – um nur einige Beispiele zu nennen. Fehlhandlungen führen zu Disziplinarstrafen, Leistungssperren oder gar zur Entlassung. Welche Verträge haben eigentlich „Manager“? Gegen die Wand gefahrene Unternehmen werden nicht geahndet, sondern führen zu einem opulenten Ruhestand oder einer anderweitigen sicheren Anstellung. Die Verantwortlichen bei der S-Bahn lassen plakativ Köpfe rollen, nachdem sie durch ihre Vorgaben das Desaster erst provoziert haben. Man muss sich Gedanken machen, ob die Vertragsschließenden – unter Teilnahme der Bundesregierung als Teilhaber – hier ein Vertrags-Monopol zulasten des zahlenden Verbrauchers ausnutzen. Das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie wird durch derartige Vorgänge schwer erschüttert! Es wieder herzustellen, wird eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Wahljahr sein – ich überlege, ob ich zum ersten Mal seit 1967 einer Wahl fernbleiben (!) werde.

Otto Eigen (seit 30 Jahren Sozialdemokrat), Berlin-Kladow

Hier kommt zum Ausdruck, dass in absehbarer Zeit wohl keine Lösung der S-Bahn-Katastrophe in Aussicht ist. Dann schlage ich einfach vor, dass endlich einmal das Volk (das in erster Linie auch die S-Bahn benutzt) handelt, indem es einfach nicht mehr den Fahrpreis zahlt. Da trifft man endlich mal die Bahn da, wo es am meisten wehtut – nämlich am Portemonnaie. Sie werden sehen, wie schnell sich dann etwas ändert.

Lo Graf von Blickensdorf,

Berlin-Charlottenburg

Über das S-Bahnchaos wurde in aller Ausführlichkeit berichtet. Dabei wurde das Chaos bei der BVG überstrahlt. Auch hier ist die Lage katastrophal. Nachdem im Sommer viele Fahrgäste auf den Schienenersatzverkehr zurückgreifen mussten, heißt es nun warten auf den Bus, der nicht kommt oder überfüllt die Haltestellen meidet, die Straßenbahnen, die schleichen und auf einer Fahrt 50 min Verspätung ansammeln. Es scheint ein generelles Problem der öffentlichen Verkehrsbetriebe zu geben.Paul Dembny, Berlin-Weißensee

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