Meinung : Sachlich, praktisch, gut

Angela Merkel versucht es mit Überzeugung

Stephan-Andreas Casdorff

Was ist für sie Führung? Diese Frage hat Angela Merkel in Leipzig ihrer Partei beantwortet. Die CDU-Chefin hat, mit einer Neuauflage ihrer Standort-Rede zur deutschen Einheit, den Delegierten deutlich gemacht, dass es keinen Weg zurück gibt: Der Umbau hat begonnen – des Sozialstaats und der CDU. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Union in absehbarer Zeit in ganz Deutschland regieren könnte. Und sei es mit Zweidrittelmehrheit über den Bundesrat.

Rhetorisch groß war die Rede nicht. Die erste Wiederholung ist oft nicht so stark wie die Premiere. Merkel hat alles angesprochen, was die Union gegenwärtig umtreibt; das hatte mitunter Kohl’sche Ausmaße in Diktion und Partei-Pathos. Nicht zuletzt zum leidigen Thema Hohmann, bei dem sie Härte und Unnachgiebigkeit zeigte. Patriotisch ist, wenn sie sagt, dass es das ist. Und mit welcher Selbstverständlichkeit Merkel das tut! Da war sie ganz das Zentrum der Union.

Emotional war es dennoch nicht, die Delegierten wurden nicht zwischendrin mitgerissen, erst. Als sie populistisch über die Legehennen sprach, kam so etwas wie Stimmung auf. Zum Schluss fiel Merkel dann zu abrupt ins Gottvertrauen. Aber ist das nicht auch nur vordergründige Ästhetik einer Rede?

Inhaltlich umfassend war die Rede dagegen ohne Frage. Sie war in Teilen pädagogisch-didaktisch, hatte harten Stoff zu bewältigen, an dem sie zäh arbeitete, um das Komplizierte – bezogen zum Beispiel auf die Kopfpauschalen – leichter verständlich zu machen. Und die Delegierten folgten willig. Sie wollten eben demonstrieren, dass sie wissen, welche Arbeitsleistung noch zu vollbringen ist. Was alles noch fehlt an Begründung. Wie weitreichend die Konsequenzen sind. Und hier enden dann die Analogien zu Helmut Kohl, vor allem zum späten. Von ihm gab es nicht solche geradezu grundstürzenden Reformvorschläge, die dann derartige Debatten mit einer solchen Vielzahl von Änderungsanträgen auslösten. Das überließ er auch in der CDU lieber anderen. Der Unterschied ist der: Er führte nicht gern von vorn, war nicht gern der Erste, machte sich nicht angreifbar.

Merkel, einmal befreit, hat die machtpolitischen Vorbehalte vor inhaltlicher Führung aufgegeben. Das macht sie, nun endgültig, so gefährlich – für alle in der Partei, die glauben, sie kämen für die nächsten Bundestagswahlen doch noch an ihr vorbei, und für den Kanzler. Vergesst mir die Vergleiche nicht, sagte Leipzigs Oberbürgermeister, der Sozialdemokrat Wolfgang Tiefensee, in seinem Grußwort. Eine willkommene Idee: An Schröder und dessen Partei gemessen ist klar, warum die Union weit vor der SPD liegt und Merkel in der Beliebtheit vor dem Kanzler. Wer sich selber imponiert, imponiert auch anderen.

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